Renterin im Anarcho-Viertel Exarchia: Wie geht es Griechenland heute? Folge 3

Vivian ist 71 Jahre alt und im wohl anarchistischsten Viertel Athens groß geworden. Die Rentnerin hat uns durch Exarchia geführt und uns ihre Sicht auf die Krise und deren Folgen erklärt.

Was soll das?

Dieser Film ist Teil einer crowdfinanzierten Recherchereise durch Griechenland, bei der wir mit Griechen aus verschiedenen Altersklassen, Schichten und Städten gesprochen haben, um zu erfahren, wie es Griechenland heute geht.

Alle Themen, die wir behandeln, wurden von unseren Lesern und Zuschauer vorgeschlagen. So auch dieses:

Benjamin fragte: “Wem geben die Griechen die Schuld an der Misere und denken Jüngere anders darüber als Ältere?” Wie ihr in unserer Themenübersicht nachlesen könnt, interessierten sich viele der Nutzer für die Sicht der Jungen und der Alten. Da wir die erste Folge griechischen Studenten gewidmet haben, war jetzt die Rentnergeneration dran.

Ein anderer User, Christian, wollte außerdem, dass wir uns das linke Viertel Exarchia angucken. Das wünschte sich auch unser Youtube-Abonnent kcin eman. Wie praktisch, dass wir mit Vivian beide Themen kombinieren konnten.

Warum ist das wichtig?

Die griechischen Rentner sind eine der Personengruppen, die am stärksten vom Sparprogramm der Regierung unter Ministerpräsident Tsipras betroffen sind.

Wir erinnern uns: Griechenland ist hoch verschuldet und steckt seit acht Jahren offiziell in einer Krise. Schon vor der Euro-Einführung 2001 hatte das Land eine Staatsverschuldung von mehr als 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zum Vergleich: Die deutsche Staatsverschuldung beträgt derzeit knapp 70 Prozent. Griechenland verschleierte allerdings das Ausmaß dieser Verschuldung und konnte so Mitglied der Eurozone werden. Nachdem die Griechen den Euro als Währung bekamen, stieg die Verschuldung immer weiter an, während der Finanzkrise erreichte sie dann knapp 130 Prozent der Wirtschaftsleistung. Mittlerweile liegt die Staatsverschuldung laut Eurostat bei 180 Prozent.

Die Euro-Währungsunion und der IWF gaben dem Land schließlich Kredite, im Gegenzug musste Griechenland sich zu einem harten Sparprogramm verpflichten. Dazu gehörten unter anderem diverse Rentenkürzungen. 2017 wurden die Renten um weitere 18 Prozent gekürzt. Dass die Rentenkasse leer ist, hat auch damit zu tun, dass die Pensionsfonds mittlerweile weniger wert sind. Das Rentenniveau, also die Rentenerwartung in Prozent des Nettoeinkommens, war 2016 ähnlich wie das in Deutschland.

Die Rentenkürzungen haben das Leben vieler älterer Griechen stark verändert – und auch das ihrer Familien. Denn die Familie dient in Griechenland vielen immer noch als soziale Absicherung. Viele Leute ohne Arbeit wurden durch ihre Eltern und Großeltern mitfinanziert.

Ein weiteres Problem des griechischen Rentensystems ist eines, das Deutschland und andere Länder auch kennen: Die Bevölkerung altert und der Generationenvertrag geht nicht mehr auf. Denn in ein paar Jahrzehnten wird es sehr viel mehr Rentner geben und sehr viel weniger Leute, die in die Rentenkasse einzahlen. Die Renten werden also weiter sinken, weil weniger Einzahler auf mehr Rentner treffen. Wenn dann wie in Griechenland junge, gut ausgebildete Einzahler das Land verlassen, um woanders zu arbeiten und zu leben, verschlimmert sich die Situation noch.

Ein Klischee, dass sich in deutschen Talkshow lange hielt, war das der faulen griechischen Rentner, die mit 56 Jahren entspannt in den Ruhestand gehen, während ihre deutschen Kollegen bis weit über 60 ackern. Das stimmt allerdings nicht. Das tatsächliche Renteneintrittsalter ist in beiden Ländern ungefähr gleich – und zwar egal, ob man die Zahlen der OECD oder der EU-Kommission hernimmt (die Zeit hat das mal schön aufgeschlüsselt). Dafür gibt es andere Punkte am Rentensystem zu kritisieren, zum Beispiel dass jahrelang Geld für bereits verstorbene Angestellte im öffentlichen Dienst ausgezahlt wurde – Sozialbetrug in Kombination mit schlechter Buchführung.

Wer sich für die von Vivian im Video erwähnten griechischen Gelder in Steuerparadiesen interessiert: in den Panama Papers, den geleakten Dokumenten einer Offshore-Anwaltskanzlei, finden sich diverse griechische Firmen.

Und jetzt?

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