So schreinheilig, süß, plastikversessen und ordentlich ist Tokio für uns

Als Rucksackjournalist fällst du in Tokio sofort auf, die Müllsituation hat uns zu Beginn überfordert und zwischen Schreintragerei und Maid Café lernen wir, wie wir uns benehmen sollten. So nehmen wir Tokio wahr:

Schrein

Big City Life

Je nachdem, welchen Berechnungen man glaubt, ist Tokio mit 38 Millionen Einwohnern (in der Metropolregion) die größte Stadt der Welt. Ihr könnt euch also vorstellen in welche Menschenmassen wir geraten sind, als wir hierher reisten. Alleine am Bahnhof in Shinjuku sind täglich mehr Menschen unterwegs als in Hamburg oder München wohnen. Und trotzdem: Das System funktioniert. Zum Beispiel, wenn im Viertel Akihabara am Sonntag die Straßen gesperrt sind – aber nur für Autos. Sehr entspannt!

Akihabara Strasse

Wir haben unsere ersten zwei Wochen in Japan in der Hauptstadt verbracht, aber sicher müsste man Jahre hier bleiben, um Tokio so richtig zu erfassen. Immerhin haben wir in vier verschiedenen Vierteln gewohnt und in kurzer Zeit einige Menschen kennen gelernt (Dank euch! Arrigato gozeimazu für die ganzen Tipps!). Daher versuchen wir jetzt mal euch unsere ganz subjektiven Eindrücke weiterzugeben. Da wir in den vergangenen Tagen ein wenig unter einer Klimaanlagenerkältung gelitten haben (ja, sie laufen hier die ganze Zeit, im Restaurant, im Supermarkt, im Shinkansen-Zug) konnten wir uns und die Eindrücke ein wenig sammeln.

Ganz schön ordentlich

Obwohl Tokio so groß ist, verläuft alles sehr geordnet. Die Bildung von Menschenschlangen ist ein sehr effektives japanisches Prinzip zur Chaosvermeidung und sie funktioniert super, außer wenn unwissende Ausländer (wie wir in den ersten zwei Tagen) fröhlich auf die Rolltreppe zu rennen ohne zu merken, dass sich links von ihr 30 geduldige Japaner aufgereiht haben. Wenn du Vordrängler bist, hast du hier ein schweres Leben. Dann hassen dich nämlich alle.

Schlange Treppe

Auch wenn man in die Metro einsteigt, sollte man sich hinten anstellen. Und wenn es noch keine Schlange gibt, und ihr die Ersten seid: Keine Sorge. Gelbe Markierungen auf dem Boden zeigen an, wo die Menschenschlange beginnen soll. Denn die Züge parken passgenau ein, sodass die Türen immer an derselben Stelle der Gleise geöffnet werden.

Anstehen

Gewusel und Gedrängel haben wir trotz der übervollen U-Bahnen bislang seltener erlebt als an einem ganz normalen Münchner MVG-Tag ohne überraschenden Wintereinbruch.

Auch das Verhalten ist äußerst gesittet, zumindest in der Öffentlichkeit. In der U-Bahn laut reden oder essen geht gar nicht. Darauf weisen auch extra Warnschilder hin (deren unrühmliche Hauptdarsteller unserer Meinung nach relativ europäisch, um nicht zu sagen deutsch, wirken…):

Schild Ubahn

Wenn euch in einer U-Bahn in Tokio langweilig ist, solltet ihr lieber ne Runde schlafen. Das ist voll ok, das machen hier viele. Warum wurde uns auch schon erklärt, dazu dann bald mehr.

Japaner schmeißen ihren Müll übrigens nicht in an der Straße aufgestellte Mülleimer. Es gibt nämlich keine aufgestellten Mülleimer. Das haben wir gemerkt, als wir uns bei jemandem danach erkundigten, wo denn der nächste Mülleimer sei. Er packte unsere Plastikverpackungen (hier ist sehr viel in Plastik eingewickelt, gerne auch Regenschirme, Taschen, Menschen und einzelne Bananen) in seine Tasche und ging weiter. Merke: Müll steckt man ein und nimmt ihn mit nach Hause, wo man ihn dann akkurat trennt.

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Mülltrennung ist übrigens ein seeeehr großes Thema in Tokio, noch mal fünf Ecken größer als in Deutschland, was wir nicht unbedingt für möglich gehalten hätten. In unserem zweiten Zuhause (nicht das auf dem Bild!) gab es etwa 17 verschiedene Mülltonnen, in die man seine Abfälle sortieren musste. Kein Wunder also, dass es auf der Straße nicht einfach DIE eine Mülltonne für alles gibt.

Wir waren also recht beruhigt, dass es in Tokio auch dreckigere Ecken gibt. Diese ist direkt neben einem der Airbnbs zu finden, in dem wir übernachtet haben. In Nishi-Shinjuku:

Strassenecke

Größtenteils sah es dort allerdings sehr viel schöner aus. Nämlich so:

Nishi-Shinjuku

Wir haben die Abende in diesem eher koreanisch geprägten Viertel sehr genossen, koreanisches Essen ist nämlich ähnlich lecker wie japanisches und die ganzen Boy- und Girlbands, Schönheitssalons und Wahrsagerinnen, denen man dort begegnet, waren im ersten Moment ungewohnt, aber sehr unterhaltsam.

Zwischen ungewohnt und kawai

Ungewohnt sind auch ein paar andere Dinge. Vieles ist irgendwie „kawai“, also süß, niedlich, putzig. Das ist ein Ausruf, den hier viele häufig benutzen. In Deutschland würde man so vielleicht Katzenbabys bezeichnen, in Tokio kann man sehr sehr vieles so nennen. Darunter auch: Straßenabsperrungen. Also Dinge, die wir bisher niemals unter süß abgespeichert hatten. Die sehen hier so aus:

Hello Kitty Strasse

Oder so:

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Warum Japaner so auf süß stehen (beziehungsweise ob das wirklich stimmt!) haben wir einen Designer in Osaka gefragt, der uns dazu eine sehr schöne Antwort im Videointerview gegeben hat. Näheres dazu folgt.

Auch sehr süß, aber auf eine sehr andere und geradezu pappsüße Weise sind die sogenannten Maid Cafés. Hikaru (der gerade vier Jahre in Berlin gelebt hat und jetzt wieder in seine Heimat Japan zurückgekehrt ist) war so nett, uns in eines zu begleiten. Auch dieses Erlebnis werden wir noch für euch aufbereiten. Angeworben werden die Gäste jedenfalls auf der Straße, was bei japanischen Restaurants und auch vor Geschäften generell recht üblich ist.

Anwerbung Maid Café

In dem Café servieren dir verkleidete Kellnerinnen Kaffee und Kuchen, typischerweise sind sie dabei im Dienstmädchenlook gestylt. So auch bei unserem Besuch. Sie sprechen mit einer sehr hohen Stimme, knien vor deinem Tisch, wenn sie deine Bestellung aufnehmen und verteilen Knickleuchtstäbe, die du während ihren Gesangseinlagen schwingen musst. Steffi und Hikaru nutzten die Knickleuchtstäbe lieber anderweitig (Singende Maid siehe Background):

Leuchtschwertkampf

Umziehen oder „Komm wir tragen einen Schrein“

Wir haben wie erwähnt in verschiedenen Vierteln gewohnt und mussten deshalb alle paar Tage unsere Rucksäcke aufschnallen und uns mit ihnen in die Metro quetschen. Dabei wurden wir zur Lachnummer für japanische Pendler. Rucksäcke sind in Japan überhaupt nicht angesagt, außer vielleicht bei Joggern, die ihre Wasserflaschen darin transportieren, wenn auch in einer viel kompakteren Rucksackvariante. Ansonsten trägt man hier Herrenhandtasche (ziemlich schick!) oder zieht einen auf alt gemachten Rollkoffer hinter sich her. Frauen wie wir, mit Rucksäcken, die ihnen 30 Zentimeter über den Kopf ragen, sind ein sehr ungewohnter Anblick für unsere elegante japanische Umgebung.

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Dabei werden hier durchaus schwere Dinge herumgeschleppt. Zum Beispiel Schreine. So geschehen im Stadtteil Meguro, einer unserer Wohnorte in Tokio. Der US-Amerikaner Sean, den wir in einer irischen Kneipe, die von einem italienisch-japanischen Ehepaar betrieben wird, kennengelernt haben, schlug uns vor, bei einer traditionellen Schreinzeremonie dabei zu sein (In den Vorschlag streute er etliche Vergleiche zwischen USA und Japan ein, sein oft wiederholtes Fazit: „The neighborhoods in Tokio are so much better than the neighborhoods in New York. They have a real community here.“). Also gingen wir mit ihm und Hikaru zur großen Schreintragerei. Die sah so aus:

Schrein

Schrein_Maenner

Was die Schreinsache überhaupt zu bedeuten hat, haben wir mit der Kamera versucht, festzuhalten, auch wenn Hikaru sich darüber beschwerte, dass wir Deutschen „immer so genau wissen wollen würden, wo etwas herkommt, wir sollen uns doch lieber freuen, dass es stattfindet.“ Immerhin haben wir mitbekommen: Matsuri, also regionale, religiöse Volksfeste sind in Japan sehr beliebt und tragen vermutlich auch zu dem bei, was Sean „community building“ nennt. Der tragbare und sehr sorgfältig verzierte Schrein (Mikoshi) ist sozusagen eine Art Zwischenzuhause für die lokale japanische Gottheit (Shintai), die normalerweise in einem feststehenden Schrein beheimatet ist und an Tagen wie diesen mit Hilfe der örtlichen männlichen Oberarme eine kleine Reise unternehmen darf.

Nach ein paar Stunden Umzug dürfen dann Träger und Gottheit Pause machen. Die Träger setzen sich auf den Straßenboden und essen mit ihren Familien japanische Köstlichkeiten:

Schrein_Essen

Von Tokio fortbewegt haben wir uns kurz darauf übrigens mithilfe eines Japan-Railway-Passes und eines Shinkansen. Der JR-Pass ist ein Ticket, dass nur Japan-Besucher kaufen dürfen, die keine japanische Staatsbürgerschaft besitzen, und mit dem man bis zu drei Wochen lang mit allen japanischen JR-Zügen reisen kann. Mit ihm können wir auch den Shinkansen benutzen, der Schnellzug mit der lustigen Nasenspitze, der von innen eher aussieht wie ein Flugzeug und erfreulich viel Bein- und Rucksackfreiheit hat. Der Shinkansen ist leise, sauber, pünktlich und verdammt schnell.

Natürlich gibt es noch so viel mehr über Tokio zu erzählen, das machen wir dann bei Gelegenheit. Jetzt sind sind wir aber erst mal für euch in Osaka, Kyoto und anderen Gegenden Japans unterwegs. Wir haben inzwischen eine sehr große Liste an Fragen von euch, die wir ständig erneuern und überall, wo wir hinreisen, schnappen wir uns Leute, die sie dann beantworten. So geschehen gerade in Osaka mit einem Unternehmensberater und Start-up-Gründer (Foto: Ryo Obata):

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Dadurch bekommen wir auch immer der mehr die Unterschiede der verschiedenen Regionen mit. In Hiroshima kriegen wir andere Antworten als in Tokio und in Tokio andere als in Osaka. In den Pausen befolgen wir natürlich eure Tipps, die wir für japanische kulinarische Spezialitäten bekommen. Die Eindrücke davon bekommt ihr auch noch. Dieses Wochenende sind wir übrigens noch in Osaka unterwegs, bevor wir über Nagoya und Toba (Apnoe-Taucherinnen suchen!) zurück nach Tokio (mit den Befürwortern der Sicherheitsgesetze reden!) und dann weiter durch Japan (Richtung Süden) reisen.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. „Sie (…) knien vor deinem Tisch, wenn sie deine Bestellung aufnehmen (…)“

    Das ist in Japan durchaus üblich, vereinfachend damit zu erklären, dass man vermeiden will, dass der Gast zur Bedienung aufsehen muss. Selbst in halbwegs traditionellen Kneipenrestaurants (Izakaya), wo man auf dem Boden an den Tischen sitzt, rutschen auch die frechsten und emanzipiertesten Kellnerinnen den ganzen Abend auf den Knien um einen herum. Die dabei zelebrierte Zurückhaltung (nicht zu verwechseln mit Unterwürfigkeit) ist auch als schützende Distanz zu verstehen.

  2. Mülltrennung hat die japanische Regierung durch einen Deutschlandbesuch kennengelernt;) Leider ist der Plastikverbrauch immer noch sehr hoch und in den verschiedenen convenience store sehr hoch.

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