Was wir in drei Monaten Japan-Recherche gelernt haben

Leute, die sich darum sorgen, dass wir im Gefängnis landen. Anti-AKW-Demonstranten, die Angela Merkel feiern. Journalisten, die sich nur im Geheimen mit uns treffen. Und viele, viele Fettnäpfchen. So waren unsere drei Recherche-Monate in Japan:

Proteste Okinawa

(Interessierte Person, nennen wir sie) Wolfgang: Sagt mal kurz: Wie war es denn jetzt genau in Japan?

Wir: Ööööööhhm …

Wenn ihr wie Wolfgang 25 Minuten Zeit habt, haben wir für euch die schriftliche Version der Antwort:

Bevor es losging

Bevor wir los geflogen sind, haben wir ein Interview mit Fritz geführt, einem jungen deutschen Fotografen, der seit Längerem immer wieder aus Japan berichtet und uns per Twitter ein paar kritische Fragen zu unserer Recherche gestellt hatte.

 Da wir bei Kritik gerne zu- statt weghören und Fritz deutlich mehr über Japan wusste als wir, haben wir uns von ihm briefen lassen.

Wir: Fritz, hältst du es für eine gute Idee, dass wir nach Japan gehen wollen?

Fritz: Klar! Aber ihr solltet ein paar Dinge beachten. Ich finde nämlich, dass die deutsche Berichterstattung aus Japan einiges besser machen könnte…

Wir: Zum Beispiel?

Fritz: Oft kommen deutsche Korrespondenten nur für zwei Wochen nach Japan geflogen, weil irgendetwas Aktuelles passiert ist und sie kratzen mit ihren Geschichten leider nur an der Oberfläche. Hinterher liest man dann den Text oder guckt sich den Beitrag an und denkt: “Die Japaner sind so merkwürdig.” Aber warum sie merkwürdig sein sollen, das wird nicht erklärt (…)

Wir: Wir haben das Gefühl, dass man aus Japan insgesamt wenig mitkriegt und die Berichterstattung in den letzten Jahren stark abgenommen hat. Deshalb wollen wir ja auch dorthin. Wie siehst du das?

Fritz: Generell ist es gerade für freie Journalisten extrem schwierig, „normale“ Berichte über Japan in Deutschland unterzubringen. Deshalb gibt es dort auch so wenige freie deutsche Reporter. Die Redaktionen interessieren sich meist nur für Skurriles und Katastrophen.

Skurriles ...

Skurriles …

... und Katastrophen (hier: Hiroshima)

… und Katastrophen (hier: Hiroshima)

Wer sich auch für andere Dinge interessierte, waren unsere Leser. Die schickten uns in kurzer Zeit etliche Themenvorschläge und Geld für unser 5000-Euro-Crowdfunding.

Kurz vor unserem Abflug erhielten wir noch eine gut gemeinte Warnung von einem Leser aus Japan, der Angst hatte, dass wir am Flughafen festgenommen werden könnten:

Besorgter Leser: Wenn ihr drei Monate in Japan bleibt, könntet ihr eines gewissen Gewerbes verdächtigt werden. Tut mir leid, dass ich das schreibe, aber ich möchte euch eine sichere Einreise garantieren. Bloß nichts von Reportern oder ähnliches sagen! Ihr seid Touristen und wohnt bei Freunden in Tokio.

Kurz vorm Abflug

Kurz vorm Abflug

 

SPOILER: Wir wurden am Flughafen nicht „eines gewissen Gewerbes“ verdächtigt und es interessierte sich auch niemand dafür, was wir in Japan genau wollten. In unseren Rucksäcken hatten wir Schokolade und Gummibärchen als Geschenke für unsere Interviewpartner, Fettnäpfchen-Führer, Geschichtsbücher und Wie-lerne-ich-japanisch-in-30-Tagen-Ratgeber (auch wenn wir auf Letztere nie so recht vertraut haben). Am Flughafen wurden wir gleich von einer japanischen Klischee-Toilette mit 327 Funktionen begrüßt und eine Frau auf einem Roboter fuhr an uns vorbei.

Nach der Landung

Tokio!

Tokio!

Direkt in den ersten Tagen fanden fast täglich große Demonstrationen in Tokio statt. Junge und alte Japaner protestierten gemeinsam gegen ein neues Sicherheitsgesetz, das Kampfeinsätze des Militärs im Ausland erlauben sollte. Wir schlängelten uns also mit unserer Kamera vorbei an den sehr wohl geordneten Protestlern, die von Polizisten mit Laserschwert-mäßigen Leuchtstäben und weißen Handschuhen bewacht wurden. Die Demonstranten hielten nicht nur Schilder zum Schutz des Pazifismus-Paragraphen neun der Verfassung hoch, sondern verteilten auch Anti-AKW-Buttons.

Shoko

Shoko, Demonstrantin in Tokio. Kommt ursprünglich aus Fukushima.

Wir: Gehst du öfter demonstrieren?

Demonstrantin: Das hier ist mein erstes Mal.

Wir: Warum bist du hier?

Demonstrantin: Ich hatte einfach das Gefühl, ich muss hierherkommen. Ich will nicht, dass wir mit den USA in einen Krieg ziehen. Das wäre aber durch das neue Gesetz theoretisch möglich. Ich bin aber auch wegen meines Vaters hier.

Wir: Wegen deines Vaters?

Demonstrantin: Er lebte zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in Tokio, sein Haus wurde damals weggebombt. Dann zog er nach Fukushima und auch dort verlor er 2011 sein Zuhause. Er hat mir beigebracht, dass der japanische Pazifismus für unser Land das Wichtigste ist. Und dass wir auch gegen Atomkraft kämpfen müssen. Deswegen bin ich hier.

Straßenproteste in Tokio

Straßenproteste in Tokio

Und wir trafen recht früh einen konservativen japanischen Journalisten, der uns Einblicke in die japanische Medien- und Politikwelt gewährte, dem wir allerdings versprechen mussten, ihn nirgendwo namentlich zu erwähnen.

Wir: Was halten Sie denn von dem umstrittenen Sicherheitsgesetz?

Anonymer Journalist: Um die Sicherheit Japans zu gewährleisten muss Japan mehr mit den USA kooperieren. Diese Gesetze sind notwendig, wir brauchen sie als Abschreckung gegenüber China und gegenüber Chinas Expansionspolitik.

Wir: Verstehen Sie denn die Ängste der Demonstranten?

Journalist: Es gibt eben Unterschiede in der Wahrnehmung der USA. Die Gegner des Gesetzes haben eher eine negative Wahrnehmung gegenüber den USA.

Wir: Die Gegner machen sich halt Sorgen, dass Japan in mehr Kriege involviert werden könnte. Halten Sie das für unberechtigt?

Demonstranten1

Journalist: Das kann man natürlich nicht ausschließen, aber ich bin überzeugt, dass die Abschreckung durch mehr militärische Stärke notwendig ist.

Wir: In Deutschland gab es in den 90ern ja sehr große Diskussionen darum, ob Deutschland sich am Kosovo-Krieg beteiligt. „Ja“ entschied damals der Bundestag und gab der Bundeswehr damit das Mandat für den ersten Kampfeinsatz Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Sehen Sie Parallelen zur Debatte in Japan?

Journalist: Ja. Eigentlich hatten Japan und Deutschland ja ähnliche Ausgangspunkte: Sowohl Deutschland als auch Japan haben aus dem zweiten Weltkrieg viel gelernt. Deutschland hat dennoch viele Beiträge zur internationalen Sicherheit geleistet, nicht nur im Kosovo, sondern auch in Bosnien, Afghanistan und mehreren afrikanischen Ländern. Deutschland hat das Ganze aus meiner Sicht gut gelöst. Japan war sehr zurückhaltend in den vergangenen zwanzig bis dreißig Jahren. Ich denke es liegt am Pazifismus. Aber die Werte der Menschheit sind wichtiger als Frieden. Denn im Frieden können Menschenrechte verletzt werden.

Solche Hintergrundgespräche führten wir ziemlich oft. Die Bedingungen waren im Regelfall: Keine Namen nennen. Keine Fotos zeigen. Klar gibt es im deutschen Politikbetrieb auch Hintergrundgespräche, aber es war in Japan schon sehr auffällig, dass fast alle Leute, die eher pro-Regierung eingestellt waren, zwar sehr gerne mit uns sprachen, aber doch bitte im Geheimen. Einzige Ausnahme waren zwei Studenten (die wesentlich seriöser gekleidet waren als die Demonstranten):

Japanische Studenten

Student 1: Wir fürchten uns vor den SEALDs, die die Proteste organisieren.

Wir: Wieso?

Student 1: Sie sind zu emotional. Mir macht diese Bewegung Angst, mir macht das einfach Angst. Viele Studenten der Keio Uni, vor allem die, die internationale Politik studieren wie wir, hassen die Bewegung der SEALDs einfach. Weil sie denken, dass sie uns bedrohen.

Wir: Sprecht ihr mit anderen Leuten über Politik?

Student 2: Es ist eigentlich überhaupt nicht normal in Japan, über Politik zu sprechen. Sogar in deinem engsten Freundeskreis nicht.

Wir: Was meinst du, warum das so ist?

Student_nachdenklich

Student 2: Japan war lange Zeit nicht an internationalen Konflikten beteiligt, sodass die Menschen hier das Interesse daran verloren haben, was überall sonst in der Welt passiert. Deshalb reden sie auch nicht mit ihren Freunden und mit ihrer Familie über Politik und schon gar nicht über internationale Politik.

Wir: Glaubst du, das verändert sich gerade?

Student 2: Ja, auf jeden Fall. Ein Grund dafür ist der IS. Der IS hat zwei Japaner umgebracht und das hat viele Japaner dazu gebracht, wieder mehr über internationale Politik nachzudenken und zu sprechen.

Wir: Also sprichst du jetzt zum Beispiel mit deiner Familie darüber?

Student 2: Hm. Ich rede manchmal mit ihnen über internationale Politik, einfach weil ich es studiere. Was Innenpolitik angeht, darüber sprechen wir eigentlich nicht, auch nicht jetzt. Mein Vater, meine Schwester und ich: wir haben unterschiedliche politische Meinungen. Und solche Meinungsverschiedenheiten in politischen Dingen führen manchmal zu Streit. Und das könnte schlimmstenfalls dazu führen, dass wir uns am Ende hassen. Davor hab ich Angst, deshalb spreche ich mit ihnen nicht darüber.

So sehen das also junge Leute, die vor der Protestbewegung der eher linken SEALDs Angst haben. Die mit ihren Eltern nicht über Politik sprechen wollen, weil es die Harmonie in der Familie gefährdet. Und die die Politik des japanischen Regierungschefs Shinzo Abé gut finden. Diese Leute tun sich aber viel schwerer damit, sich vor eine deutsche Kamera zu stellen als die Protestkampagnen-Genies der SEALDs, deren Ziel es auch ist, dass Japaner mehr miteinander diskutieren. Kanau, den wir in Tokio trafen, ist einer der Gründer der Protestgruppe SEALDs.

Kanau: In Japan wird man von anderen schon kritisiert, nur weil man mal ehrlich seine Meinung sagt. Demonstrieren an sich ist hier schon verpönt.

Wir: Warum?

Kanau: Vor 40-50 Jahren gab es hier schon mal eine große Protestbewegung, die allerdings scheiterte. Sie mündete darin, dass Studenten sich gegenseitig umbrachten und es Gewalt gegen die Polizei gab. Also brachten uns unsere Eltern bei, dass Protestieren eine richtig gefährliche Angelegenheit ist. Dadurch hat quasi jeder Jugendliche in Japan das Grundgefühl, dass Demonstrationen etwas Schlechtes sind.

Uns war es aber wichtig, nicht nur in Tokio die Leute nach ihrer Meinung zu verschiedenen Themen zu fragen, sondern auch in den anderen Teilen des Landes unterwegs zu sein: Wir sprachen also mit Leuten in Okinawa und Osaka, Fukuoka und Fukushima, Hiroshima und Toba, Sendai und Sapporo.

Hakkodate im Norden von Japan.

Hakkodate im Norden von Japan.

Wir: Glaubst du eigentlich, dass Männer und Frauen in Japan gleichberechtigt sind?

Mihoko, Fotografin und Künstlerin aus Hiroshima

Mihoko, Fotografin und Künstlerin aus Hiroshima

Junge Frau aus Hiroshima: Nein. In japanischen Unternehmen und an der Uni servieren die Frauen den Tee oder den Kaffee. Vor allem bei alten Leuten ist eine große Ungleichheit vorhanden. Alte Männer denken, dass Männer und Frauen nicht gleichwertig sind.

Marina, Studentin der Internationalen Beziehungen aus Fukuoka

Marina, Studentin der Internationalen Beziehungen aus Fukuoka

Junge Frau aus Fukuoka: Mehr Frauen in Führungspositionen wären schon gut. Andererseits bezahlen Männer Frauen alles und als Frau muss man nicht so viel arbeiten. Von daher ist es auch ganz angenehm, eine Frau in Japan zu sein.

In Osaka trafen wir Naotaka, der sich selbst als Durchschnittsjapaner bezeichnet.

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Naotaka arbeitet als Consultant bei einer großen japanischen Beratungsfirma in Osaka

Wir: Wie viel arbeiten Sie denn jeden Tag?

Durchschnittsjapaner: Ich fange so um 8 Uhr morgens an und vor 22 Uhr verlasse ich die Firma eigentlich nicht.

Wir: Also ihr normaler Arbeitstag hat 14 Stunden? Wie viele Urlaubstage nehmen sie denn im Jahr?

Durchschnittsjapaner: 100 Tage!

Wir: 100 Tage?

Durschschnittsjapaner: Ja, ich habe jeden Samstag und jeden Sonntag frei. Also 50 mal zwei Tage, das macht hundert Tage Urlaub pro Jahr.

Wir: Hmmm, also irgendwie ist Ihre Definition von Urlaub etwas anders als unsere. Was ist denn mit den 18,5 Urlaubstagen, die jedem Japaner durchschnittlich zustehen?

Durschschnittsjapaner: Die nehme ich nicht.

Wir wollten möglichst viel mitbekommen, möglichst nicht eine Seite bevorteilen, auf keinen Fall bestimmte Menschen außen vor lassen. Wir kannten die Berichterstattung aus den deutschen Medien, die man tatsächlich oft auf den Satz „Krass, wie verrückt diese Japaner sind!“ (Überprüft das bitte mal bei der nächsten Story, die ihr aus Japan hört, selbst!) herunter brechen kann. Und wir wollten es anders machen.

Die Kritikkultur

Deutschland ist ein sehr kritikfreudiges Land (meckermeckermecker), Japan so ziemlich das Gegenteil davon (Gesicht wahren!). Die Menschen, die aber zum Beispiel die japanische Regierung kritisieren, sind sich ihrer Sache sehr sicher.

Regierungskritische Person: Ihr müsst die Wahrheit berichten und nichts als die Wahrheit! Ihr müsst über das echte Bild Japans berichten. Wir möchten die japanische Wirklichkeit, die in Deutschland nicht unbedingt bekannt ist, nach Deutschland transferieren und dafür seid ihr jetzt verantwortlich!

In Japan ist es so, dass andere für jeden Gefallen einen Gegengefallen erwarten – was wir natürlich theoretisch wussten, in der Praxis aber trotzdem erst lernen mussten. Da wir häufig nicht einschätzen konnten, was jetzt wer von uns erwartete, versuchten wir irgendwann, möglichst ohne Gefälligkeiten auszukommen, was aber in einem Land, dass ein einziges Gefälligkeitsystem ist, ein großes Problem ist. Wir haben uns diesem Druck ein wenig entzogen, indem wir beschlossen, die Aussagen aller Gesprächspartner in Ruhe zu prüfen, wenn wir zurück in Deutschland sind und das, was wir für plausibel halten, zu veröffentlichen.

Die Höflichkeit

Plakatkampagne: Wie benimmt man sich in der japanischen Ubahn?

Plakatkampagne: Wie benimmt man sich in der japanischen U-Bahn?

 

Natürlich wird dir verziehen, wenn du als Ausländer die etwa 10 000 Höflichkeitsregeln nicht beherrscht. Aber als unhöflich wird es oftmals auch schon empfunden, wenn man mit geringen Sprachkenntnissen das Land bereist. Dementsprechend war unsere bloße Anwesenheit schon auf gewisse Weise despektierlich.

Basics wie „Nicht in der Öffentlichkeit Nase putzen“, „stets eine japanische Visitenkarte dabei haben“, „Schuhe ausziehen“ kannten wir. An anderen Dingen scheiterten wir.

1_Hello Kitty_Schuhe

Müll sortieren ist in Japan tatsächlich komplizierter als in Deutschland, man könnte wahrscheinlich einen ganzen Studiengang zur japanischen Mülltrennungslehre anbieten. Bei Interviews besorgten wir uns Dolmetscher. Junge Leute, gerade in den Großstädten, können teilweise Englisch oder kennen zumindest jemanden, der Englisch spricht. Allerdings sollte man danach nicht zu direkt fragen, das wirkt sonst ebenfalls unhöflich. Gastgeschenke sind auch wichtig, allerdings muss man dabei so tun, als ob das überreichte Geschenk absolut unbedeutend und wertlos ist. Komplimente sollte man nicht ernst nehmen (vor allem, wenn dir jemand erzählt, dass du angeblich gut japanisch sprichst!), sondern sie bescheiden zurückweisen. Und falls man Vegetarier ist: Am besten vertuschen. Das kommt auch nicht gut an.

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Es kommt ebenfalls nicht gut an, darüber einen Artikel zu schreiben. Dann beschimpfen einen sowohl Vegetarier („Nicht gut genug nach Essen gesucht!“, „Prinzipien verraten!“, „In Kyoto kann man super vegetarisch essen!“) und Fleischesser („Typisch Vegetarier, lassen sich nicht auf fremde Kulturen ein!“).

Deutschsprachiger Japaner: Isst du denn wenigstens Fischeier?

Pferdefleisch

Screenshot von Steffis Handy (Steffi = Nicht-Vegetarierin)

Einmal fragten wir aus Versehen jemanden nach einem Mülleimer. Er nahm unseren Müll, steckte ihn in seinen Rucksack und ging davon. Sehr unangenehm.

Schwierig war es auch, das Lächeln des Gegenübers richtig zu interpretieren. Denn Japaner lächeln auch höflich, wenn das Gegenüber (also wir) sich peinlich benommen hat. Oder um ihr Gesicht zu wahren.

Es gibt in Japan kein höfliches Wort für nein. Stattdessen sagen die Leute:

Mensch, der nein sagen will, 1: „Ich denke darüber nach.“

oder

Mensch, der nein sagen will, 2: „Das wird schwierig.“

Und wie gesagt: Auch wenn man sich dieses Wissen theoretisch angeeignet hat, in der Praxis ist es sehr schwierig die deutschen Verhaltensweisen („Also wie jetzt: Ja oder nein?“, „Ja, das Geschenk ist toll, oder?“, „Ich bin mit meinem Japanisch auch viel zufriedener“) abzulegen. Es fühlt sich auch manchmal einfach nicht gut an, Dinge abzulegen. Wir lachen zum Beispiel gerne laut. Oder machen mal einen kleinen Scherz. Oder gestikulieren. Oder diskutieren in der U-Bahn. Im Bestreben, uns möglichst gut anzupassen, hatten wir manchmal das Gefühl, uns selbst ein bisschen zu verlieren – und dabei dann trotzdem immer noch alles falsch zu machen. Unsere Integration verlief also alles andere als vorbildlich – falls sie überhaupt verlief.

Hilfreicher Mensch: Wenn ihr zum Interview dorthin geht, dann nehmt am besten einen ausgedruckten Text mit oder ein Buch, das ihr geschrieben habt!

Wir: Wieso ausgedruckt?

Hilfreicher Mensch: Weil gedruckte Sachen in Japan mehr gelten – alles was auf Papier gedruckt wurde ist in Japan automatisch ein wenig mehr wert als eine virtuelle Information.

Gefühlt wurde der Alltag in Japan von Woche zu Woche komplizierter: Weil wir nämlich immer mehr wussten. Und je mehr du weißt, desto mehr bist du dir deiner Schwächen bewusst und desto unbeholfener stapfst du dann durch die Gegend. In der ersten Woche beleidigten wir sozusagen Leute noch von uns selbst unbemerkt. Ab Woche drei konnten wir die Kommunikation dann schon soweit dekodieren, dass uns klar wurde, wenn wir etwas falsch gemacht hatten.

Und nach etwa sechs Wochen hatten wir das Gefühl, dass wir überhaupt nichts richtig tun können und im Vergleich zu den wohlerzogenen Japanern ein paar grobe Rüpel-Riesen mit unverschämten Fragen im Schlepptau waren. Allerdings: Sobald Alkohol im Spiel war verwandelten sich häufig Japaner in grobe Rüpel oder legten sich zum Schlafen in ihr Abendessen. Das war dann wiederum beruhigend.

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Diese nette Truppe lernten wir in Osaka kennen.

Andere Dinge haben wir bis heute nicht verstanden.

Interviewpartner per Email: Das mit dem Interview ist schwierig. Ich bin nämlich verheiratet.

Die Ausländer

Wir fühlte uns wie Ausländer und das waren wir ja auch. In Japan leben zwei Prozent Migranten und die meisten sind Südkoreaner und Chinesen. Zwei deutsche Frauen mit Rucksäcken fallen also sehr auf.

Interessierter Mann: Hast du da einen Buddha drin? (zeigt auf den Rucksack)

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Wir reisten im Herbst 2015 durch Japan, während Merkel die Grenzen öffnen ließ und Leute sich zum Begrüßungs-Klatschen an deutschen Bahnhöfen trafen. Wohl auch deshalb fragten uns Leute aus Deutschland, wieso Japan so wenige Flüchtlinge aufnimmt: 27 waren es 2015 insgesamt.

Zum einen wollen nicht so viele Menschen nach Japan: Die Reise auf die Insel ist nicht gerade eine Standardflüchtlingsroute, die Verständigung ist schwierig und dadurch, dass kaum ein Flüchtling Familie in Japan hat, fällt ein weiterer Anreiz weg. Dennoch: 7586 Leute stellten 2015 einen Asylantrag, also schon deutlich mehr als die 27 aufgenommenen Flüchtlinge. Allerdings erhöht sich die Zahl der Aufgenommenen auf über 100, wenn man auch die Leute beachtet, die ein Bleiberecht aus humanitären Gründen gewährt bekommen, so der Asienspiegel.

Die Aufnahmebereitschaft ist also ebenfalls nicht sonderlich hoch. In den schon erwähnten Hintergrundgesprächen zeigten sich die japanischen Regierungsfreunde sehr irritiert von der deutschen Willkommenskultur. Die Skepsis gegenüber allem, was fremd ist, ist in Japan ziemlich hoch. Wieso das so ist, dazu kommen wir gleich noch. Es wird außerdem noch mehr Wert auf Dokumente gelegt als in Deutschland. Viele Flüchtlinge aber haben keine Dokumente. Und obwohl Japan, genau wie Deutschland, ein großes demographisches Problem hat (viele Alte, wenig Junge), setzt das Land nicht auf Zuwanderung. Die japanische Lösung sind Roboter, die künftig auch zum Beispiel in der Altenpflege Aufgaben übernehmen sollen.

Roboter

Roboter sollen die Altenpflege in Japan übernehmen. Ok, sie werden wahrscheinlich nicht ganz so aussehen wie Roboter Gundam aus Tokio.

Japan und die Welt

Die Skepsis gegenüber Fremdem könnte daher kommen, dass Japan eine lange Tradition der Isolation hatte: Von 1630 bis 1853 gab es bis auf wenige Ausnahmen kaum Austausch mit anderen Ländern, was auch daran lag, dass Portugiesen und Spanier dem Land zuvor das Christentum aufschwatzen wollten und grob verkürzt Japan keine Lust auf europäische Barbaren (sogenannte „Südbarbaren“) hatte:

„Sie aßen mit ihren Fingern anstatt mit Stäbchen, wie wir sie benutzen. Sie zeigen ihre Gefühle ohne jede Selbstkontrolle. Sie können die Bedeutung von Schriftzeichen nicht verstehen.“

Die USA erzwangen Mitte der 1850er Jahre dann schließlich, dass Japan Handelsbeziehungen mit ihnen aufnahm – indem sie mit einer großen Flotte dort aufliefen. Die Beziehung zu den Vereinigten Staaten blieb auch danach wechselhaft: im Zweiten Weltkrieg griff Japan ohne Vorwarnung die US-Pazifikflotte Pearl Harbour auf Hawaii an, woraufhin die USA Japan den Krieg erklärte. 1945 warfen die USA dann die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki ab, obwohl Japan zu dieser Zeit militärisch schon besiegt war.

Wir haben in Hiroshima mit Überlebenden gesprochen. Einer davon war Kosei, der vor dem Atombombenmuseum auf und ab läuft, um Touristen seine Sicht auf den Abwurf zu schildern. Er ist sogenannter Uterus-Überlebender, den Abwurf erlebte er als Embryo im Bauch seiner Mutter.

Kosei

Überlebender: Ich kann nicht verstehen, warum immer noch mehr als die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung glaubt, dass die Atombomben nötig waren, um den Krieg zu beenden. Das lernen die Kinder dort sogar in der Schule!

Wir: Und was lernen die Kinder in Japan in der Schule?

Überlebender: Viel zu wenig! Japan hat sich im Zweiten Weltkrieg ebenfalls sehr sehr böse verhalten, darüber wird aber viel zu wenig gesprochen. Die japanische Jugend ist total ignorant.

Wir: Naja, aber im Moment gehen doch auch viele junge Japaner auf die Straße.

Überlebender: Was?

Wir: Ja, es gibt doch die Proteste der SEALDs, die dagegen demonstrieren, dass die japanische Regierung Kampfeinsätze im Ausland erlaubt.

Kosei: Achso, ja. Das ist neu. Das hat es in Japan lange lange Zeit nicht gegeben.

Hiroshima

Hiroshima

Kürzlich hat US-Präsident Barack Obama Hiroshima besucht – als erster amtierender US-Präsident überhaupt. Entschuldigt hat er sich für den Atombombenabwurf nicht, aber allein der Besuch wurde von internationalen Medien als Zeichen der Versöhnung gewertet.

Japan ist auf die Zusammenarbeit mit den USA angewiesen, denn zu den eigenen Nachbarn hat es kein gutes Verhältnis. Im Gegenteil. Das Land ist umgeben von Russland, China, Nordkorea und Südkorea.

Nordkorea hat erst kürzlich einen Raketentest durchgeführt, die Rakete flog natürlich über Japan, genauer gesagt über die südliche japanische Insel Okinawa in Richtung Pazifischer Ozean. Mit China und Südkorea streitet Japan sich um Inselgruppen, was immer wieder zu diplomatischen Ärgernissen führt. Im vergangenen Jahr gab es zum Beispiel einen Skandal um japanische Schulbücher, weil darin steht, dass Japan einen Anspruch auf die strittigen Inselgruppen hätte. Russland und Japan haben ebenfalls ein Problem miteinander: Jeder will den Inselbogen der Kurilen besitzen, die offiziell zu Russland gehören.

Teile dieser Nachbarschaftsstreits sind Folgen des Zweiten Weltkriegs. Japan war damals sehr aggressiv unterwegs, unterwarf Teile von China und Korea, hielt koreanische Frauen als Zwangsprostituierte (sogenannte „Trostfrauen“) und war auch ansonsten kein sonderlich sozialverträglicher Kriegsteilnehmer.

Nach dem Krieg hielt zwar der Pazifismus Einzug in die Verfassung (in dem umstrittenen Artikel 9 für den heute die Protestler demonstrieren), doch so richtig ausgesöhnt hat Japan sich mit China und Südkorea nie. Erst Ende 2015 bat Japan wegen seiner Kolonialherrschaft um Entschuldigung bei Südkorea, das aber wiederum die Entschuldigung nicht für ausreichend hielt. Dieser Entschuldigungsstreit schwelt schon seit einigen Jahren, die Nachbarländer werfen Japan vor, dass es seine Vergangenheit nie richtig aufgearbeitet hat.

Demonstrantin: Ich habe ein paar deutsche Freunde und die stöhnen immer darüber, dass sie in der Schulzeit so viel über den Zweiten Weltkrieg lernen müssen. Ich wäre froh, wenn ich in meiner Schulzeit mal etwas über die japanischen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg gelernt hätte. In unserem Geschichtsbuch waren das die letzten Seiten und die haben wir nicht mal richtig besprochen.

Unsere Recherche veränderte nicht nur unseren Blick Japan, sondern auch unseren Blick auf die Welt: Wir spürten, wie einflussreich die USA in Asien sind, auch dank ihrer Militär-Präsenz auf der japanischen Insel Okinawa. China wirkte plötzlich wesentlich sympathischer als zuvor. Und wir hätten auch nie damit gerechnet, dass die Leute in Japan mehr auf Südkorea schimpfen als auf Nordkorea.

Ingenieur in einer Kneipe in Osaka: Wo kommt ihr her?

Wir: Deutschland.

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Kneipe in Osaka

Ingenieur: Ach, Deutschland. Ihr seid ja auch von den USA besetzt, habe ich gelesen.

Wir: Nee, eigentlich nicht.

Ingenieur: Aber ihr habt auch sehr viele US-Soldaten in Deutschland.

Und überhaupt unterschied sich das japanische Deutschlandbild ziemlich von unserem.

Demonstrantin: Die Sicherheitskräfte in Japan sind so brutal! Habt ihr das gesehen?! Wie sie uns herumschubsen?!

Wir: Meinst du diese Leute da vorne mit den weißen Handschuhe, die einen um Entschuldigung bitten, während sie einen von der Absperrung wegschieben?

Demonstrantin: Ja, unglaublich, oder? Sowas gäbe es in Deutschland nicht, da gibt es ja nur friedliche Proteste.

Wir: (zeigen ein Foto von Stuttgart 21)

Demonstrantin: Trotzdem: Eure Bundeskanzlerin Merkel ist viel weltoffener. Sie ist meine Heldin, weil sie sich immer gegen Atomkraft eingesetzt hat. Viele von uns hier sind große Fans von ihr, wir hätten auch gerne so eine Regierungschefin.

Wir: Aber eigentlich war Merkel immer pro Atomkraft, sie hatte nach Fukushima nur Angst, dass die Grünen in Deutschland mächtiger werden und hat das verhindert, indem sie die Abschaltung der AKWs selbst veranlasst hat.

Demonstrantin: Achso! Jedenfalls ist sie sehr mutig.

Merkel ist von Japan aus betrachtet also ziemlich ziemlich links. Auch ohne Flüchtlingskrise.

Wir: Können Sie uns noch mal aufschlüsseln, wer in Japan gegen Atomkraft ist und wer dafür?

Journalist: Umfragen zu Folge ist die Mehrheit der Japaner gegen AKWs, aber es gibt auch viele, die dafür sind. Also 60 Prozent sind dagegen und 40 % dafür.

Atomkraft? Danke, ich denke noch darüber nach.

Atomkraft? Danke, ich denke noch darüber nach.

Wir: Und wie würden sie die Leute beschreiben, die dagegen sind?

Journalist: Die linken Teile der Gesellschaft, also diejenigen, die gegen das Sicherheitsgesetz sind, sind meist auch gegen Atomkraft. Im konservativen Flügel gibt es verschiedene Meinungen. Moderate Konservative sind meist für Atomkraft, aber Rechtsradikale, Nationalkonservative sind gegen Atomkraft, sie sagen, sie wollen die schöne Natur Japans bewahren.

Wir: Wie ist ihre Einstellung?

Journalist: Ich denke für Japans Wirtschaft ist die Nutzung von Atomkraft sehr wichtig. 10 bis 20 Prozent Atomkraft braucht Japan, sonst kann es wirtschaftlich und aus Gründen der Energiesicherheit nicht überleben.

Wir: Aber es gab doch auch eine Zeit, in der die Kraftwerke hier abgeschaltet waren? Das klappte doch?

Journalist: Ja, aber man kann nicht voraussehen, was passiert. In den letzten Jahren war der Ölpreis günstig, wer weiß, ob das so bleibt. Ähnlich wie Deutschland hat Japan keine eigenen Energiequellen, wobei Deutschland immerhin noch Kohle hat. Aber Japan hat gar nichts, man muss alles importieren! Viele japanische Experten weisen darauf hin, dass Deutschland ein gutes internationales Netzwerk hat und im Notfall aus Frankreich oder Tschechien Strom importieren könnte. Japan hat solche Nachbarn nicht.

Fukushima

Uns war früh klar, dass wir nach Fukushima wollen beziehungsweise müssen: Zu keinem anderen Thema kamen so viel Fragen aus Deutschland, kein Wunder: 2011 gab es einen gigantischen Medienhype zu der sogenannten Dreifach-Katastrophe: Erdbeben, Tsunami, GAU. Und danach dann eben den Atomausstieg und den ersten deutschen grünen Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg.

Ehrwürdige alte Dame (vier Tage nach der Ankunft): Was, ihr wollt nach Fukushima?!!! Habt ihr denn schon an einer Teezeremonie teilgenommen?

Wir: Öhm.

Ehrwürdige alte Dame: Bevor ihr das nicht gemacht habt, könnt ihr da auf keinen Fall hinreisen.

In Sendai wohnten wir bei einem Teezeremonienmeister und konnten so kurz vor Fukushima den Auftrag der alten Dame noch erfüllen.

In Sendai wohnten wir bei einem Teezeremonienmeister und konnten so kurz vor Fukushima den Auftrag der alten Dame noch erfüllen.

In der deutschen Berichterstattung über Fukushima konzentrierten sich die Medien hauptsächlich auf das havarierte Atomkraftwerk und rückblickend kann man viele der damaligen Meldungen („Alle Helfer werden sterben!“) unter Panikmache verbuchen, vor allem, wenn man bedenkt, dass es offiziell keinen einzigen Strahlentoten gibt, aber der Tsunami Tausende von Menschenleben gekostet hat.

Trotzdem hatte das Reaktorunglück Folgen: 300 000 Menschen wurden evakuiert, knapp 2000 Leute begingen aufgrund einer anschließenden Depression Selbstmord oder verkrafteten die Evakuierung körperlich nicht.

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So sieht es heute in Teilen des Sperrgebiets aus.

Unsere Leser hatten sehr viele Fragen dazu, was aus den Leuten wurde, die ihre Heimat verlassen mussten. Wir fuhren zuerst in das Sperrgebiet und stellten die Fragen dann einer Evakuierten, die seit fünf Jahren in einer Notunterkunft lebt.

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Die Evakuierte Setsuko hat erst im Rentenalter mit dem Rauchen angefangen: „Bei mir ist jetzt eh schon alles egal!“

Evakuierte: Ihr kommt aus Deutschland? Aus dem russischen Teil?

Übersetzerin: Sie kommen aus dem Teil, der sozusagen zur USA gehört.

Hmm.

In den ersten Tagen nach der Kernschmelze hieß es noch, dass Setsuko und ihr Mann sich keine Sorgen machen müssten, ihr Dorf Iitate liege außerhalb der Gefahrenzone. Doch dann das: „Mitten in der Nacht fuhren Leute von der Stadt mit Lautsprechern durch das Dorf! Wir mussten alle sofort unser Zuhause verlassen!“ Setsuko floh zu ihrer Tochter nach Fukushima Stadt, ein paar Wochen später landete sie dann hier in der Holzhütte. Ihr Mann starb kurz danach: Sowieso schon durch eine Krebserkrankung geschwächt, überlebte er die Umsiedlung nicht.

So lebt Setsuko jetzt alleine hier, naja fast zumindest: Heimlich hält sie eine einäugige Katze, die von einem Evakuierungsfahrzeug angefahren wurde. Haustiere sind in der Notunterkunft eigentlich verboten. Momentan plant die Regierung, dass Bewohner wie Setsuko bald wieder in ihr Dorf zurückkehren können, die Folgen des Reaktorunglücks sind umstritten. Erste Dörfer wurden sogar schon rückbesiedelt. Zu den Auswirkungen des GAU auf Mensch und Umwelt haben wir nach unserer Rückkehr Cornelia Deppe-Burghardt von Greenpeace und Strahlenforscher Prof. Georg Steinhauser vom Institut für Radioökologie und Strahlenschutz Hannover befragt.

Greenpeace-Aktivistin: Für uns ist es einfach der falsche Weg, ein so hoch kontaminiertes Gebiet zwangsweise rückbesiedeln zu wollen.

Wir: Was meinen Sie mit zwangsweise? Es ist doch schon die freie Entscheidung der Menschen, ob sie zurückgehen oder nicht, oder?

Greenpeace-Aktivistin: Nein, denn die Leute werden stark unter Druck gesetzt: Die Entschädigungszahlungen laufen aus. Dadurch haben viele Leute keine andere Wahl. Und die Gemeinde Iitate ist schwer kontaminiert. Unsere regelmäßigen Messungen beweisen das: Wir haben bei verschiedenen Leuten zuhause gemessen und sie beraten. Außerdem untersuchen wir gerade auch die radioaktive Belastung des Pazifiks vor Fukushimas Küste und an den Flussmündungen. Die Ergebnisse kommen in ein paar Wochen.

Dekontaminierungsarbeiten in Iitate.

Dekontaminierungsarbeiten in Iitate.

Prof. Steinhauser sieht einige Dinge anders.

Wir: Nun ist es aber so, dass Iitate einer der Orte ist, die sozusagen rückbesiedelt werden. Momentan wird da noch die verseuchte Erde in Säcken abgetragen, ab 2017 sollen in dem jetzigen Geisterdorf dann aber wieder Menschen wohnen. In ein paar anderen Orten ist es ja bereits der Fall, dass die Menschen in evakuierte Gegenden zurückgekehrt sind. NGOs wie Greenpeace sehen das als riskant an. Was meinen Sie dazu?

Strahlenforscher: Das ist aus meiner Sicht verantwortbar. Die Risiken wurden und werden sehr genau geprüft, die Werte sind stark gesunken. Anders ist es in sehr stark kontaminierten Orte wie zum Beispiel Futaba. Dort wird in den nächsten Jahrzehnten mit Sicherheit niemand leben können, da die Halbwertszeit des freigesetzten Cäsium-137 dreißig Jahre beträgt. Iitate liegt am äußeren Rand der Sperrzone und ist daher ein Sonderfall.

Wir: Greenpeace sagt aber: Die Radioaktivität sammelt sich in den umliegenden Wäldern von Iitate an, die ja nicht gereinigt werden. Dadurch könnte der Ort bei Regengüssen immer wieder neu dekontaminiert werden.

Strahlenforscher: Also ich finde es ist eine Gemeinheit, dass man versucht, die Anstrengungen der Japaner so schlecht zu machen. Es ist schlicht und einfach nicht möglich, den Wald komplett zu reinigen. Wie soll man das machen? Wie soll man mit dem Bagger dort hineinfahren und die oberste Schicht abtragen?

Während sich die Experten uneins sind, hat sich die ehemalige Bäuerin Setsuko längst entschieden, dass sie in ihr Dorf zurückkehren wird. Sie meint, dass ihre Gesundheit sowieso nicht mehr viel Schaden nehmen kann. Sie erinnert sich sogar noch an den Bau des 2011 havarierten Atomkraftwerks, das Strom für das weit entfernte Tokio und nicht etwa für die Region Fukushima selbst produzierte.

Evakuierte: Als damals in den Sechzigern in Okuma und Tomioka die Kernkraftwerke gebaut wurden, da waren wir noch jung und haben gedacht, dass das eine unerhörte Sache ist. Meine Familie war dagegen, wir haben dagegen unterschrieben! Und dann wurde es gebaut und 40 Jahre später passiert so etwas. Wir hatten keinen einzigen Vorteil vom Bau des AKWs und jetzt sind wir die wirklichen Opfer. Tepco und das Land bezahlen zwar die Entschädigungen, aber die denken, das reicht. Wir tragen ja auch lebensgefährliche Probleme mit uns herum. Ich würde mir wünschen, dass jemand von den Amtsleuten vom Umweltministerium einen Tag mal hier in dieser Hütte wohnen müsste und einmal sieht, wie das ist!

Aber Fukushima besteht nicht nur aus einer Sperrzone. Es ist eine Präfektur, also so etwas wie ein ganzes Bundesland. In Aizu Wakamatsu trafen wir die deutsche Studentin Isabel, die sich selbst zur „Generation Pokémon“ zählt und zu Künstlicher Intelligenz forscht. Sie hat sich diesen Ort ganz bewusst für ihre Doktorarbeit ausgesucht. Nebenher engagiert sie sich ehrenamtlich für ein regionales Lebensmittelprojekt, denn für die Bauern aus dem ländlichen Bundesland Fukushima ist es existenzbedrohend, dass kaum jemand ihr Essen kaufen will.

Isabel mit Freundin Mami in Aizu Wakamatsu (Fukushima).

Isabel mit Freundin Mami in Aizu Wakamatsu (Fukushima).

Wir: Wenn du dir jetzt was wünschen könntest, was die Leute in Deutschland unbedingt über Fukushima wissen sollten: Was wäre das?

Deutsche Studentin in Fukushima: Das wäre auf jeden Fall, dass Fukushima sehr schöne Seiten hat, weshalb es für mich auch so schade ist, dass das Bild von der Katastrophe und dem AKW überall in der Welt herumgeistert. Ich lebe hier und ich finde es wunderschön, ich habe hier einen ganz normalen Alltag und die Strahlung ist nichts, was mich jeden Tag beschäftigt. Dass es Normalität gibt, dass es einen Alltag gibt und dass es auch Schönheit gibt, das wäre was, was ich mir wünschen würde, was die Menschen wissen sollen.

Wir: Vermisst du Deutschland?

Studentin: Ja, auf jeden Fall. Insbesondere deutsches Brot kann man sehr schwer kaufen. In Deutschland kann man wirklich klar seine Gedanken ausdrücken. Insbesondere auf japanisch ist die Sprache so angelegt, dass man Dinge nicht so klar kommunizieren kann. Und das ist eine Sache, die in Deutschland ein bisschen komisch aufgenommen wird und dass zum Beispiel in Japan keiner direkt über Fukushima redet, das liegt aber auch an der Kultur und der Sprache und nicht unbedingt daran, dass die Leute da was verbergen wollen. 

Okinawa

Tänzerinnen in der American Village.

Tänzerinnen in der American Village.

Die kuriosesten Ereignisse passierten sicherlich auf unserer Reise nach Okinawa. Dort auf der Insel begleiteten wir eine junge Demonstrantin bei einem Sitzstreik gegen das US-Militär, das dort 20 Prozent der Inselfläche mit Gebäuden zugepflastert hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte die Insel ganz im Süden von Japan bis in die 70er den Vereinigten Staaten. Von Okinawa aus zogen die US-amerikanischen Truppen in den Koreakrieg, in den Vietnamkrieg und in den Golfkrieg. Es ist die ärmste und zugleich eine der umstrittensten Präfekturen Japans. Gleichzeitig ist es dort vielerorts so schön, dass wir uns vermutlich einfach eine Woche an den Strand gelegt hätten, wenn wir nicht aus Recherchezwecken dort gewesen wären.

Von wegen kalter Kaffe ist scheiße. (Okinawa)

Von wegen kalter Kaffe ist scheiße. (Okinawa)

 

Aber wir waren ja aus anderen Gründen vor Ort: In Okinawa gibt es seit Jahren Proteste gegen die vielen stationierten US-Soldaten und deren gigantische Militärbasen. Jetzt soll ein neues Camp gebaut werden und die Demonstrationen werden lauter – auch beeinflusst durch die SEALDs. Studentin Maki ist eine der wenigen jungen Menschen hier.

Demonstrantin Maki

Demonstrantin Maki

Wir: Warum bist du gegen den Bau des neuen Camps?

Studentin: Um dieses Camp zu bauen, muss das Meer aufgeschüttet werden. Der Ozean hier ist voll von Korallen, Korallenriffen und tropischen Fischen. Für uns auf Okinawa ist die Natur besonders wichtig. Diese Biodiversität wird durch den Bau des neuen Camps zerstört.

Auch das soziale Miteinander auf der Insel funktioniere oft nicht gut, so die Demonstranten, die immer, wenn sie uns erspähten, ihre japanischen Protestschilder schnell umdrehten; die Rückseite der Plakate verkündeten dann auf Englisch: „Amy, go home!“ oder „Close all Bases.“ Aus Sicht von Maki und den anderen sind die US-Soldaten kriminell, wollen ihre Bases vorrangig als Ausgangspunkte für Angriffe auf andere Länder und nicht zum Schutz von Japan nutzen. Auch tauchen immer wieder Fällen von jungen Japanerinnen auf, die von den Soldaten vergewaltigt wurden.

An der Universität von Okinawa wird übrigens zu regenerativen und dezentralen Energien geforscht. Da das Interesse an dieser Forschung in Japan nicht so hoch ist und die Ideen leichter an kleinen nicht zentral organisierten Orten umsetzbar sind, arbeitet Okinawa gemeinsam mit Hawaii an Pilotprojekten, wie uns ein Forscher vor Ort erzählte.

Forschung "Regenerative Energie"

Forschung „Regenerative Energie“ in Okinawa

In der sogenannten American Village laufen auf Okinawa laufen nachts viele junge Japanerinnen (tatsächlich haben wir dort kaum japanische Männer gesehen) herum, die sich mit den ausländischen Soldaten ganz gut zu verstehen scheinen und den US-amerikanischen Flair dort schick finden. Mittlerweile gibt es auch einige okinawisch-amerikanische Familien, zu denen wir allerdings leider keinen Kontakt knüpfen konnten.

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Wir unterhielten uns aber eines Abends mit zwei jungen us-amerikanischen Soldaten, die wir zufällig in dieser American Village trafen und deren Namen wir mal wieder nicht nennen dürfen. Beide waren gerade frisch aus der Highschool nach Okinawa gekommen waren.

Wir: Warum seid ihr hier?

Soldat 1: Ich sehe es als meine patriotische Pflicht an, als Teil der Army unsere verbündeten Länder zu beschützen.

Wir: Aber was, wenn die verbündeten Länder gar nicht von dir beschützt werden wollen?

Soldat 2: Ganz ehrlich: Wenn ich auf einer kleinen netten Insel leben würde und dann käme plötzlich eine fremde Armee und würde sich dort immer breiter machen, hätte ich da auch keine Lust drauf und würde vielleicht sogar auch protestieren, ich kann die Einwohner also gut verstehen. Ich glaube trotzdem, dass sie uns brauchen.

Soldat 1: Vor unserem Camp wird auch ständig demonstriert. Japan und auch andere Länder wollen einfach nicht verstehen, dass sie ohne die USA absolut schutzlos bösen Mächten wie zum Beispiel China ausgeliefert sind.

Wir: Wir haben aber hier auf Okinawa und auch im Rest von Japan auch mit Menschen gesprochen, die sich ein besseres Verhältnis zu China wünschen und von der Abschreckungspolitik nicht viel halten.

Soldat 1: Die sind naiv!

Demonstranten Okinawa

Demonstranten in Okinawa vor dem Camp Schwab.

Auf den Protesten, die sehr viel wilder, aber auch sehr viel kleiner waren als die Demonstrationen in Tokio, waren wir die einzigen Ausländer unter sehr vielen japanischen Journalisten. Die japanischen Journalisten fanden unsere Anwesenheit interessanter als den täglichen Sitzstreik und wollten wissen, warum die „Internationale Presse“ sich denn plötzlich für Okinawa interessiert. Wir erklärten ihnen unser Konzept und dass wir eine user-generierte Reportage über die Proteste im ganzen Land und den Zustand Japans fünf Jahre nach Fukushima drehen.

Vermummter Protestler vorm us-amerikanischen Camp Schwab.

Vermummter Protestler vorm us-amerikanischen Camp Schwab.

Als wir zurück in unser Airbnb-Zimmer kehrten, entdeckten wir folgende Email einer Leserin:

Besorgte Leserin: Und noch ein kleiner Hinweis am Rande: versucht nach Möglichkeit nicht allzu sehr in den Fokus der lokalen Medien zu geraten. Das offizielle Japan hat es nicht so gerne, wenn Ausländer sich in die nationale Politik einmischen. Wo diese Einmischung anfängt, kommt darauf an wie sehr sich die Regierung im Moment bedroht sieht, also kann man das nicht immer so leicht abschätzen. Ich habe auch schon von Leuten gehört, die ausgewiesen wurden… Lasst euch also auf keine Bühne stellen und gebt ein wenig darauf Acht, nicht von Pressefotografen abgelichtet zu werden. Man weiß ja nie.

Wir wurden nicht ausgewiesen.

Wir: In einem Artikel der Süddeutschen Zeitung haben wir gelesen, dass die japanischen Medien sehr unkritisch sind und sich sozusagen selbst zensieren. Das erschien uns auch recht logisch, denn Kritik üben ist ja in Japan nicht gerade angesehen.

Anonymer japanischer Journalist vom Anfang der Geschichte: Solche Artikel ärgern mich als japanischen Journalisten. Ja, es gibt den Journalistenclub, also in fast jeder Behörde gibt es ein Zimmer, wo ein japanischer Journalist bleiben und arbeiten kann. Einige deutsche Journalisten haben mir gesagt, dass durch dieses System die japanische Regierung die Medien kontrollieren kann. Aber dies ist komplett nicht der Fall. Japanische Medien sind unabhängig, finanziell und inhaltlich. Meiner Meinung nach sind die deutschen Medien, zumindest was die Nutzung von Atomkraft angeht, sehr einseitig. Sie sind kritisch und das ist gut. Aber sie sollten sich alle Seiten anhören und nicht nur mit den besorgten Menschen sprechen.

Wie die Proteste in Okinawa und Tokio genau abliefen, was die politischen und sozialen Hintergründe sind, wie das Leben in Fukushima heute aussieht, was wir in Hiroshima erfahren haben, wie das Verhältnis von Jugend und Poltiik ist und wie sich Japan fünf Jahre nach Fukushima insgesamt verändert hat, seht ihr in dieser 45-Minuten-Doku, die wir komplett unabhängig produziert haben. Darin erfahrt ihr auch, welche Leser und Zuschauer uns warum zu welchen Stationen geschickt haben.

Natürlich ist so Film immer nur ein kleiner Ausschnitt aus der Realität. Dieser Text hier ist der Versuch, transparent zu machen, warum wir diesen Ausschnitt gewählt haben und wie unser Zugang zu dieser Realität abseits der Reportage ausgesehen hat.

Wenn ihr diesen Text gelesen und diesen Film gesehen habt, wisst ihr mehr oder weniger wie unsere Zeit in Japan so abgelaufen ist. Wir haben natürlich noch viele weitere Menschen kennen gelernt, von denen ihr auf unserer Seite noch den ein oder anderen Rechercheschnipsel finden werdet.

Fritz behielt übrigens Recht:

Wir: Hey, wir recherchieren ja gerade in Japan. Wollt ihr vielleicht einen Text oder Film über eine deutsche Studentin in Fukushima, eine alte Evakuierte mit einäugiger Katze, die jungen Protestler aus Tokio oder eine Reportage über den Militärstreit auf der Insel Okinawa?

Anonyme deutsche Redaktion: Klingt interessant, aber habt ihr nicht vielleicht etwas Verrücktes?

Wenn ihr Feedback zu Film und Text und/oder weitere Fragen zu der Recherche habt, postet sie einfach unter diesen Artikel.

Und wenn ihr unseren Journalismus unterstützen wollt, dann helft uns bei unserer aktuellen Kampagne auf Startnext.

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Update: In einer Facebookgruppe gab es zu diesem Text einen längeren Kommentar von einer Leserin namens Rin, den wir ganz spannend fanden und den wir ergänzend anzufügen, um euch noch eine andere Sichtweise auf Japan aufzuzeigen.

Leserin: Super Artikel, nur ein paar Kleinigkeiten sehe ich etwas anders. Zum Beispiel den Punkt, dass Japan in der Zukunft eher auf Roboter setzt als auf Einwanderer. Das mag zu nem bestimmten Grad stimmen. Auch dass Japan keine Fluechtlinge aufnimmt und auch generell nur Fachkräften ein Visum gewährt stimmt. Jedoch war 2015 jedes 9. Kind, das in Japan geboren wurde mindestens halb oder gar ganz ausländisch. Das sind ueber 10% der gesamten Geburtenrate in diesem Jahr. Ganz hoch dabei Russland, Amerika und natuerlich China und Korea.

Ausserdem finde ich es gar nicht so schwer eine Diskussion auf japanisch zu führen. Man kann auch in der japanischen Sprache sehr gut seine Meinung ausdrücken bzw Unmut zeigen. Man muss nur wissen wie. Aber das setzt natuerlich voraus dass man die japanische Mentalität (wobei es auch da in Kanto/Kansai regionsbedingt auffällige Unterschiede gibt) etwas kennt und weiss wie bestimmte Worte und Phrasen, die für uns vielleicht nicht bedeutend klingen, aufgefasst werden.

Alles in allem kann ich aber aus jahrelanger Erfahrung vor Ort sagen dass Japaner keineswegs so kalt und streng sind wie sie es fuer uns vielleicht anfangs wirken moegen. Das ist meisst nur die japanische Schuechternheit. Sobald man die Sprache beherrscht wird man meist sehr warmherzig aufgenommen. Die meisten Japaner sprechen nicht gerne mit Ausländern aus Angst durch die Uebersetzung unhoeflich zu klingen oder gar Englisch sprechen zu muessen. Man kann direkt den inneren Seufzer der Japaner hoeren wenn man sie auf japanisch anspricht 😉

10 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Die beschriebene Zurückhaltung bzw Selbstdisziplin betreffend Emotionen, betrifft das auch schon Kinder, beziehungsweise ab welchem Alter?

    • Hey neon, es waren natürlich nicht alle Menschen gleich zurückhaltend oder schüchtern. Bei den Kindern, die wir getroffen haben, hatten wir den Eindruck, dass die jüngeren (Kindergarten-)Kinder schon ähnlich laut sind wie Kinder in Deutschland, aber dass zum Beispiel Schulkinder in der Bahn sich sehr sehr gut benehmen und wesentlich höflicher und zurückhaltender sind als die Kinder hier. Von daher wäre das von unserem Bauchgefühl her eine Sache, die vielleicht mit dem Beginn der Schulzeit schon ausgeprägt ist (ohne dass wir dazu eine Studie gelesen hätten oder Massen von Kindern beobachtet hätten).

    • Hey Danielle, vielen Dank für die nette Rückmeldung. Wir freuen uns, dass dir der Text gefallen hat! Liebe Grüße Lisa und Steffi

  2. Ich stimme den Vorrednern zu, echt ganz interessant und spannend.
    Eine gute Freundin von mit studiert Asienwissenschaften mit Schwerpunkt Japan und so das ein oder andere hab ich von ihr schon gehört (Sie war schon in Japan) und kann insbesondere dem letzten Satz zustimmen, Japaner sind total happy, wenn man sie auf Japanisch anspricht.

    • Hey Christoph, danke! Dem Satz können wir auch zustimmen – wir haben uns auch immer bemüht, unsere gelernten Japanisch-Kenntnisse anzuwenden. Aber wenn es dann um tiefergreifende Inhalte geht, wird es für Nicht-Asienwissenschaftler oder langjährig-in-Japan-Lebende schnell schwierig – eben auch weil die Körpersprache eine andere ist. Die gesprochene japanische Sprache ist übrigens auch einfacher als die Schriftsprache, bei der waren wir wirklich aufgeschmissen.

  3. Ich weiß gar nicht, wie ich zu Eurer Seite gefunden habe… möchte mich aber bei Euch und Euren Fans bedanken.
    Ich bin erstaunt und erfreut über die Fragen, und darüber, dass Ihr diesen auch nachgegangen seid.
    Nach der Situation in Fukushima zu fragen, ist jetzt vielleicht noch nicht so ungewöhnlich, aber die Probleme auf Okinawa anzusprechen schon. Auch die Gespräche mit den SEALD-Leuten waren interessant. z.B. dass sonst in Japan eher nicht über sie berichtet wird.
    Dieses Wochenende protestieren in Rammstein Friedensaktivisten, die nicht die USA bei ihren Drohnen-Morden unterstützen wollen. Mal sehen, wie viel darüber in unseren Medien berichtet werden wird.

    Gruß aus Kyoto.

  4. Hallo,

    interessante Recherche, und aus der Grundposition (fast keine Landes- oder Sprachkenntnisse) habt Ihr finde ich viel gemacht, und ein Blick aus dieser Perspektive ist auch mal schön. Gerade zum Thema Japan sind auch die deutschen Medien nicht besonders gründlich, der neue ARD Außenstellenleiter ist ein Vollpfosten und versucht nicht mal, was daran zu ändern, und vor ca. zwei Jahren gab es auf tagesschau.de mal Videoblogs von einer ARD-Reporterin, die groß und breit erklärt hat, wie schwierig das doch ist, in Tokyo U-Bahn zu fahren. Tiefgreifende Erkenntnis.

    Trotzdem finde ich das Ergebnis nicht so richtig erhellend. Viele Klischees werden auch bei Euch weitergegeben, weil sie eben von etwas Japan-erfahreneren Leuten gesagt wurden. Zum Beispiel:
    – „Insbesondere auf japanisch ist die Sprache so angelegt, dass man Dinge nicht so klar kommunizieren kann.“ Dass das bullshit ist, hat Rei ja schon klargestellt. Andersrum habe ich auch von Japanern schon mehrfach Klagen gehört, dass es schwierig sei, mit Deutschen zu reden, weil sie nur auf die Worte achten und nicht auf Mimik/Gestik/Stimmlage (空気を読む, „Die Luft lesen“, gehört in Japan einfach zur Kommunikation dazu). Kommunikation läuft anders, aber nicht weniger in Japan. Ein klares „nein“ auf Japanisch kann auch nur ein entsprechend intoniertes „mmmh“ sein, das ist trotzdem genauso eindeutig.
    – Naotaka sagt sicher, dass er sich für einen typischen Japaner hält, aber im Ernst: „Consultant bei einer führenden Unternehmensberatung“. Wenn Ihr einen McKinsey-Berater in Frankfurt über das Arbeitsleben in Deutschland ausfragt, ist das Ergebnis auch eher mäßig repräsentativ (allerdings wird der Mäcki wahrscheinlich stolz herausstellen, dass er kein Durchschnittstyp ist). Da habt Ihr finde ich versucht, eine ausgewogene Mischung an Interviewpartnern zu finden, aber das ist natürlich auch schwer, wenn man die Sprache nicht spricht.

    Interessant finde ich Fritz’s Tipps zu guten Japan-Korrespondenten. Carsten Germis war wirklich gut, Christoph Neidhart von der SZ ist auch gut. Viel mehr fallen mir leider nicht ein, was schade ist. Zumal es an der Exotik nicht liegen kann, über China gibt es absolut fantastische Beiträge von Kai Strittmatter (SZ) und Petra Kolonko (FAZ), die wirklich Ahnung haben, wovon sie schreiben.

    Dass Fritz von „12.000 Schriftzeichen“ schreibt ist übrigens auch schon wieder so ein Klischee… Mit 3.000 kommt man schon sehr, sehr weit in Japan, und beim Japanischlernen sind die Schriftzeichen zwar die offensichtlichste Hürde, im gesamten Lernprozess würde ich die bei mir selbst aber auf vielleicht 10-20% des Lernaufwands für die Sprache taxieren: Je besser ich Japanisch gelernt habe, desto „natürlicher“ haben meine japanischen Freunde mit mir gesprochen. Dabei wurden die Sätze immer kürzer, und das gesagt steckte in immer weniger Silben (plus Betonung, Mimik…). Ein bisschen wie Musik von Bach; Deutsch ist dann eher Rachmaninoff ;-).

    Habt Ihr eigentlich vor, nochmal nach Japan zu reisen, bzw. beschäftigt Ihr Euch noch mit Japan? Mir jetzt auch nicht so richtig was ein, was Ihr meiner Ansicht nach anders hättet machen sollen. Wie gesagt, für drei Monate Reise schon ziemlich gut.

    Viele Grüße,
    Dokutaro

    • Hallo Dokutaro,
      vielen Dank für diese Rückmeldung und deine Eindrücke! Du hast Recht: Die Kommunikation ist vermutlich einfach so angelegt, dass man sie dann nicht klar verstehen kann, wenn man nicht gelernt hat, „die Luft zu lesen“. Das werden wir ergänzen. Vielen Dank!
      Wir können als Journalistinnen immer nur einen kleinen Ausschnitt aus der Realität zeigen und haben uns bemüht, den relativ breit zu gestalten, aber es wird immer ein subjektiver Einblick bleiben. Das Interview mit Naotaka ist natürlich auch ein wenig mit einem Augenzwinkern geführt worden (von beiden Seiten), wir fanden seine Meinung trotzdem interessant und haben sie deshalb auch vorgestellt.
      Dass China im Vergleich zu Japan überrepräsentiert ist, liegt sicherlich an dem politischen und wirtschaftlichen Einfluss Chinas auf die gesamte Welt.
      Leider ist es für Journalisten nicht einfach, überhaupt länger in solchen Ländern zu recherchieren, da es extrem mühsam ist, deutschen Redaktionen Inhalte zu verkaufen, die sich auf Länder wie Japan beziehen, die im Moment nicht im
      Fokus stehen. Das finden wir auch total schade, weil sich dann wieder alle Leute wundern, wenn in irgendeinem Land „plötzlich“ Groß-Demonstrationen ausbrechen – klar wenn man lange aus den Ländern nichts hört, kann man als Leser Entwicklungen auch irgendwann nicht mehr nachvollziehen. Unsere Arbeit ist deshalb auch als Impuls in Richtung Medienlandschaft gedacht, überhaupt Reporter in unterschiedliche Länder zu schicken. Häufig ist es auch so, dass ein Korrespondent, der zum Beispiel in Brasilien sitzt, ganz Lateinamerika abdecken muss. Die Journalisten haben also gar nicht die Möglichkeit, sich voll auf das Land zu konzentrieren. Das war bei uns in Japan glücklicherweise anders, da unsere Leser und Zuschauer uns finanziell unterstützen und wir auch nicht das Ziel haben, viel Geld zu verdienen, sondern in erster Linie informieren wollen. Betriebswirtschaftlich rechnen sich solche Recherchereisen eigentlich nicht – außer man veröffentlicht eben die Geschichten über „seltsame Japaner.“
      Wir stehen nach wie vor zu den meisten Protagonisten unseres Films in Kontakt und werden auch im Frühjahr ein Update veröffentlichen, wie es mit den Leuten weitergegangen ist. Und hoffentlich haben wir irgendwann die Möglichkeit, auch selbst noch mal hinzureisen. Wenn du noch Anregungen für uns hast freuen wir uns.

      • Hallo Crowdspondents,
        vielen Dank für Eure ausführliche Antwort. Euren Ansatz mit Crowdfunding finde ich auf jeden Fall interessant, und sich drei Monate auf Japan konzentrieren zu können ist auch schön. Die Frage ist aber denke ich, was dabei herauskommen kann und soll. Ich habe in letzter Zeit mal ein bisschen auf den von Fritz empfohlenen Seiten geguckt (Sonja Blaschke, Jan Knüsel). Die haben natürlich ein ganz anderes Hintergrundwissen, mit dem sie das, worüber sie berichten, einordnen können. Dass ein einzelner Korrespondent eine ganze Region abdecken muss, ist dabei nicht unbedingt von Nachteil, da es ja auch viele regionale Zusammenhänge gibt.
        Blöd ist auf jeden Fall, was die ARD macht: Wer in den Auslandsstudios an die Fleischtöpfe kommt, hängt offensichtlich davon ab, wer gerade auf der muss-mal-wieder-befördert-werden-Liste ganz oben steht (wo natürlich der Proporz der Mitgliedsanstalten gewahrt werden muss usw.). Das ist vor allem deshalb so schade, weil festangestellte Journalisten im Prinzip freier arbeiten könnten als Ihr. Ihr müsst ja schließlich, bevor Ihr recherchiert, erstmal für Euer Projekt werben und Geld dafür einsammeln.
        Ich hab ehrlich gesagt Eure anderen Reportagen noch nicht angeguckt, aber auf das, was Ihr zu Deutschland im Wahljahr berichtet, bin ich gespannt. Falls Ihr weitere Auslandsprojekte plant, wäre es vielleicht eine Idee, eine dritte Person als Dolmetscher mitzunehmen.
        Viele Grüße erstmal,
        Dokutaro

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