„Warum arbeiten Sie so viel, Herr Durchschnittsjapaner?“

Naotaka arbeitet als Consultant bei einer großen japanischen Beratungsfirma in Osaka. Der 37-Jährige sagt über sich, dass er ein echter Durchschnittsjapaner sei. Außerdem ist er Berater im Bereich Personalentwicklung und sollte sich in der japanischen Arbeitswelt dementsprechend auskennen. Deshalb haben wir ihm eure zahlreichen Fragen zur japanischen Work-Life-Balance gestellt.

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Naotaka, Berater in der Personalentwicklung

Wir: Naotaka, wie viel arbeiten Sie denn jeden Tag?

Naotaka: Ich fange so um 8 Uhr morgens an und vor 22 Uhr verlasse ich die Firma eigentlich nicht.

Wir: Also ihr normaler Arbeitstag hat 14 Stunden? Wie viele Urlaubstage nehmen sie denn im Jahr?

Naotaka: 100 Tage!

Wir: 100 Tage?

Naotaka: Ja, ich habe jeden Samstag und jeden Sonntag frei. Also 50 mal zwei Tage, das macht hundert Tage Urlaub pro Jahr.

Wir: Hmmm, also irgendwie ist Ihre Definition von Urlaub etwas anders als unsere. Was ist denn mit den 18,5 Urlaubstagen, die jedem Japaner durchschnittlich zustehen?

Naotaka: Die nehme ich nicht.

Wir sitzen in einem Izakaya in Osaka. Izakayas sind eine Mischung aus Restaurant und Kneipe, hierher kommen die Japaner nach der Arbeit mit ihren Kollegen. Es ist nach 22 Uhr, Naotakas Feierabend hat gerade erst begonnen. 

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Wir: Aber wieso nehmen sie die Urlaubstage nicht? Warum arbeiten Sie so viel?

Naotaka: Ich brauche keinen Urlaub, ich genieße meine Arbeit, was brauche ich da Urlaub. Ich arbeite freiwillig so viel. Ich glaube daran, dass meine Arbeit die Gesellschaft besser macht. Und dabei ist es egal, ob ich als Arzt arbeite oder als Berater – jede Arbeit macht die Gesellschaft besser. Die meisten Japaner, die hart arbeiten, tun das nicht wegen des Geldes. Sie tun es, genau wie ich, weil sie glauben, dass ihre Arbeit wichtig ist. Und deshalb brauchen wir auch keinen Urlaub.

Übersetzerin Reiko mischt sich in das Gespräch ein.

Übersetzerin Reiko

Reiko

Reiko: Das kann man aber jetzt nicht auf alle Japaner verallgemeinern! Ich zum Beispiel nehme schon Urlaub. Es gibt in Japan gesetzliche Feiertage und da sind die meisten Firmen geschlossen. Fünf Tage im Sommer und fünf Tage im Winter. Da verreise ich auch.

Neben Naotaka sitzt Reiko, die in einem Recycling-Unternehmen arbeitet. Sie übersetzt unser Interview und ist auch diejenige, die uns Naotaka empfohlen hat, weil er angeblich der typische „working man“ ist.

Wir: Und Sie, Naotaka?

Naotaka: Ja, na gut, stimmt. Da habe ich auch frei. Aber ich nehme keinen persönlichen Urlaub. Wenn die Firma Pause haben will, ok. Ich selbst brauche aber keine Pausen.

Vom Nachbartisch hören wir Männer lachen. Sehen können wir die lachenden Gesichter nicht. Denn die Tische für die Feierabendrunden sind voneinander abgetrennt, meist mit Bastvorhängen. Feierabend heißt, dass man mit seinen Kollegen noch eine Runde feiert und dabei ganz informell auf der Karriereleiter hochspringt. In den Izakayas mit den separierten Arbeitskreisen geht das am besten. Zumindest wenn man ein Mann ist. Wir und Reiko sind (zumindest dem Hören nach!) die einzigen Frauen im Izakaya. Japanische Feierabendrunden sind oft reine Herrenrunden.

Ein Izakaya von außen (allerdings eines ohne Sichtschutz)

Ein Izakaya von außen (allerdings eines ohne Sichtschutz).

Wir: Nehmen Sie denn Urlaub abseits der gesetzlichen Feiertage, Reiko?

Reiko: Also außerhalb von den Betriebsferien und den Feiertagen nehme ich auch keinen Urlaub. Außer wenn ich auf Dienstreise gehe, dann hänge ich manchmal ein paar Tage in dem Land dran, das ich besuche. Dann ist man ja sowieso schon weg, in Europa zum Beispiel, dann hat man einen guten Grund. Aber einfach Urlaub nehmen, ist in Japan nicht vorgesehen, das macht niemand. Dafür gibt es die Feiertage wie jetzt gerade die sogenannte Silverweek, in der wirklich alle mehrere Tage hintereinander frei haben. Wenn alle frei haben, ist es ok, frei zu haben…

Was Naotaka und Reiko erzählen, betrifft nicht nur Berater oder irgendwelche Business-Leute. Auch die Friseuse Friseurin, mit der wir uns kürzlich unterhalten haben, arbeitet 15 Stunden am Tag. Im letzten Jahr hat sie keinen einzigen Urlaubstag genommen. Und das ist normal. Die Regierung macht sich inzwischen Sorgen darüber, dass die Bevölkerung zu viel arbeitet und will verpflichtende Arbeitspausen für alle einführen. Laut einer Studie nahmen Japaner im Jahr 2013 durchschnittlich weniger als die Hälfte der ihnen zustehenden Urlaubstage. Jeder sechste Japaner nahm sich wie die Friseuse Friseurin keinen einzigen Tag frei. Vielleicht hat das auch etwas damit zu tun, dass Arbeit in Japan mehr ist als Arbeit. Arbeitskollegen sind enge Bezugspersonen, sind Freunde, sind für viele Menschen auch eine Art Familienersatz. Die Firmen tun außerdem sehr viel für ihre Mitarbeiter, überbieten sich mit freiwilligen Leistungen im Gesundheitsbereich und in der Altersvorsorge. Im Japanischen gibt es den Begriff „Karoshi“. Tod durch Überarbeitung.

Wir: Glauben Sie denn, dass es gesund ist, so viel zu arbeiten?

Naotaka: In Japan wohnen die ältesten Menschen der Welt. Wenn harte Arbeit so ungesund wäre, wäre das wohl nicht so, oder?

Wir: Das muss nicht miteinander zusammen hängen. Die hohe Lebenserwartung kann andere Ursachen haben. Was ist denn zum Beispiel mit Burnout?

Naotaka: Wenn jemand Burnout bekommt, dann stimmt etwas an seinem Arbeitsalltag nicht. Die japanischen Unternehmen bieten gute Programme an, um diese Leute zu unterstützen. Aber Burnout gibt es doch überall, das ist kein rein japanisches Phänomen.

Tatsächlich gibt es auch immer mehr junge Leute die keine Lust mehr auf die Dauerpräsenz am Arbeitsplatz haben, die ihr eigenes Start-up gründen oder bei westlichen Firmen anheuern. Auch mit solchen Leuten haben wir uns in Osaka zur Arbeitsrecherche getroffen.

Naotaka nötigt uns eine Runde Sake auf. Wir sind schließlich an einem „Ort, an dem Sake getrunken wird“. Man trinkt Bier und Sake (Izakaya = „Ort an dem Sake getrunken wird“) und isst dazu viele Tapas-ähnliche Snacks (ganz wichtig: bloß kein Reis! Sonst wird man nicht schnell genug betrunken). 

Wir: Ok, dann mal eine Stufe drunter. Wie sieht es denn generell mit einem Privatleben aus, mit Freizeit, mit Familie: Haben Sie eine Frau? Kinder?

Naotaka: Nein.

Japanische Kinder in einem Freizeitpark.

Japanische Kinder in einem Freizeitpark nahe Nagoya.

Wir: Hätten Sie denn überhaupt Zeit für ein Kind?

Naotaka: Wenn ich ein Kind hätte, würde ich mir schon Zeit nehmen.

Wir: Wenn Sie keine Freizeit haben, wie wollen Sie dann eine Frau kennen lernen?

Naotaka: Ich hatte ein paar Jahre eine Freundin. Also geht das schon. Sie hat übrigens genauso viel gearbeitet wie ich. In dem Sinn haben wir sehr gut zusammengepasst.

Wir: Aber wie soll das mit der Familie funktionieren, wenn man 14 Stunden arbeitet. Oder ist das reine Frauensache für Sie?

Naotaka: Ich würde dann natürlich weniger arbeiten.

Wieder klingt klinkt sich Reiko in das Gespräch ein.

Reiko: Und da glaube ich: Das stimmt nicht! Das sagen immer alle, dass sie irgendwann weniger arbeiten. Das nehmen sie sich vor, aber sie schaffen es nicht.

Wir: Gibt es deshalb auch so wenige Kinder in Japan?

Auch die Sache mit der Geburtenrate sieht die japanische Regierung mittlerweile als Problem an. Ähnlich wie in Deutschland werden auch in Japan immer weniger Kinder geboren und die Leute werden immer älter. Im Gegensatz zu Deutschland gibt es aber kaum Einwanderer. Wer also soll die Renten der Alten bezahlen? Die Regierung will, dass drei Kinder zum Standard werden und plant dafür neue Betreuungsplätze. Im Moment kommen gerade mal 1,4 Kinder pro Frau auf die Welt. 

Reiko: Ich glaube ja. Kinder zu bekommen ist eine Frage der Prioritäten. Und bei vielen Leuten in unserem Alter mit Mitte 30 hat eben die Arbeit Priorität.

Wir: Bei Ihnen auch?

Reiko: Ja, bei mir auch. Aber ich glaube, bei Frauen ist das auch noch mal was anderes als bei Männern. Als Frau hat man hier in Japan keine richtige Wahl. Es gibt Frauen, die arbeiten wollen und die gehen arbeiten. Und dann gibt es Frauen, die nicht arbeiten wollen und die kriegen dann eben Kinder. Ich bin jetzt Anfang 30. Naotaka kann ja noch bis 70 Kinder zeugen. Aber wir Frauen nicht…

Wir: In den Izakayas hier sieht und hört man ja auch kaum Frauen. Gehen da immer nur die Männer saufen?

Reiko: Ja, so ungefähr.

Wir: Noch eine letzte Sache: Ein Leser hat uns gefragt, ob es in Japan für Männer möglich ist, Elternzeit zu nehmen. Die Regierung will das ja vorantreiben, haben wir gelesen.

Reiko: Theoretisch gibt es diese Möglichkeit, aber praktisch macht das niemand. Wie würde man denn dann als Mann dastehen? Hausmänner haben keinen guten Ruf.

Naotaka: Also ich würde es schon machen. Aber ich müsste halt erst mal eine Frau finden!

8 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

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  2. „Wieder „klinkt“ sich Reiko in das Gespräch ein.“ – Nicht „einklingen“, sondern „einklinken“ ist das Verb dazu.

    • Das ist natürlich korrekt, lieber Bernd. Danke für den Hinweis, ändern wir!

  3. Pingback: Was wir in drei Monaten Japan-Recherche gelernt haben | crowdspondent

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