Ein Papa wie Justin Bieber

Papst-Follower fluten Copacacana.

Papst-Follower fluten Copacabana.

Rio de Janeiro war letzte Woche voll. Voll mit Followern von “Papa Francisco”, auch Papst genannt. Schon ein paar Tage vorher waren wir in grüne, blaue und gelbe Rucksäcke mit den vorne befestigten Menschen gerannt, die sich (teilweise händchenhaltend) durch alle einigermaßen touristentauglichen Straßen schlängelten. JMJ, Jornada Mundial da Juventude, also Weltjugendtag, stand auf den Rucksäcken. Wir sind keine Papst-Fans. Aber ganz ohne Papa-Viewing wollten wir die Woche auch nicht verbringen. Erst dachten wir, bisschen twittern dazu reicht, aber da uns nun tatsächlich schon Leute geschrieben haben und wissen wollten, wie es denn nun genau war mit dem Papst, widmen wir Papa jetzt diesen Blogartikel.

Der Papst-Besuch war gerade unter den jungen Brasilianern relativ umstritten. Weil er mehr als 40 Millionen Euro kostete, die man auch für Verkehrssysteme oder Bildung ausgeben könnte und weil die Kirche sich wieder einmal McDonalds als Werbepartner ausgesucht hatte (unserer Meinung nach: klarer Fail). Dennoch, in Brasilien sind circa 63 Prozent katholisch (Stand 2012) und der Papst aus Argentinien hat auch viele Menschen aus anderen Städten Brasiliens angelockt.

Der Himmel war die ganze Woche voller Hubschrauber, was nichts besonderes ist, denn die bewachen normalerweise die Demonstranten, die hier gegen Korruption, die WM und vieles andere demonstrieren. Der Papst residierte übrigens bei uns um die Ecke. Unser Mitbewohner hat ihn eines Morgens beim Bäcker mit seinem Papamobil die Straße entlang schleichen sehen. Die Straßen waren die gesamte Woche noch verstopfter als sonst schon und die Regierung hatte vier Feiertage springen lassen. Offiziell zu Ehren des Papas, inoffiziell weil sie befürchteten, dass bei den Staus und den überfüllten Bussen und U-Bahnen sowieso niemand seine Arbeit erreichen würde.

Militärpolizei twittert Papstfotos:

Ort der großen Papst-Party sollte ursprünglich Campo da Fé, Guaratiba, sein. Eine arme Gegend im Westen Rios. Doch der Winterregen überschwemmte alles, der Papst musste ausweichen, die Bewohner hatten all die Touristenverkaufs-Utensilien und all die Lebensmittel umsonst gekauft und damit viel Geld verloren. Nun also Messe an der Copacabana.

Als wir am Mittwoch an der Copacabana ankamen, wurde uns klar, dass der Papst in einer Liga mit Justin Bieber spielt – was uns vorher so nicht bewusst war. Papst-Fahnen, Papst-Hüte, Papst-Abziehbildchen, Papst-Kissen, Papst-Tücher, Papst-einfach-alles wurde an der Avenida Atlantica verkauft. Kreischende Menschenmassen sprangen über den Copacabana-Strand. Leider nicht in Badeklamotten. Das Wetter war nämlich beschissen. Petrus und Francisco scheinen nicht so dicke zu sein. Der Strand wurde von diversen Militärschiffen und ziemlich vielen Soldaten und Polizisten bewacht. Ha, davon träumst du wohl, Justin Bieber.

Verkäufer_Papst

Wie bei Burger-King: Jeder kann sich selbst ne (Papst-)Krone aufsetzen.

In der Abenddämmerung ging die Show los. Etwa 20 Leinwände zeigten Papas Anflug, mit Hintergrundmusik, die auch aus einem Disney-Film stammen könnte. Kommentiert wurde das Ganze unter anderem von einer Frau, die klang als hätte sie Zuckerwatte getrunken. Wir vermuteten, sie wollte sich mit ihrer Performance für die nächste Ausgabe des Eurovision-Songtest bewerben. Hier könnt ihr euch Moderation und Fangesänge nochmal anhören:

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Da wir nicht in einer der vermutlich komfortableren Presselongues saßen, sondern uns wie jeder Otto-Normal-Christ an 1000 anderen Leute vorbei quetschen mussten (aber so ist es nun mal auf jedem guten Konzert), haben wir den Papst nicht ganz so nah und ganz so gut gesehen, wie andere. Er sah alt und freundlich aus, soviel können wir sagen.

Die Masse feierte ihn und er feierte die Messe. Das klang so:

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Wir haben zwischendrin plötzlich ein wenig Langeweile und Platzangst verspürt und wollten den Strand verlassen. Das war aber nicht so einfach, denn die Idee hatten auch sehr viele andere Anwesende. Und so begann eine dreißigminütige Quetscherei, inklusive Beschimpfungen, Schweiß, auf die Füße-Tretern und Gefangen-Sein zwischen zwei Schlangen aus Menschenhänden. Wir stellten zwischendrin fest, dass es über hunderte von Metern nur einen einzigen Fluchtausgang gab. Wir waren froh als wir draußen waren. Und hatten sehr viel Verständnis für Patricia, die nicht-christliche Ehefrau unseres Mitbewohners Luciano. Die war von ihrem Zuhause an der Copacabana geflohen, um ihre Ruhe zu haben. Andere Leute, die wir kennen, starteten im Nobelstadtteil Leblon eine Gegendemonstration. Dort gabs kein Feuerwerk, sondern Molotov-Cocktails und Tränengas.

Zwei Tage später wollten wir eigentlich den Slutwalk anschauen, der an der Copacabana stattfinden sollte, doch was sollen wir sagen: Wir sind schon wieder in den Papst hineingelaufen.

Der Papst hat übrigens diese Woche gesagt, dass die Menschen raus auf die Straßen gehen sollen. Es würde nichts bringen, wenn der Glaube nur in der Kirche gelebt wird. Viele Demonstranten haben das als Aufforderung zum Weitermachen empfunden. Patricia sagte gestern zu uns, dass der Papst nach diesem Besuch wohl unter den Brasilianern der beliebteste Mensch überhaupt ist. Trotzdem sind viele Leute froh, dass die Straßen jetzt wieder wenigstens ein bisschen freier sind.

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