Jobchancen für Flüchtlinge – Was ist los mit dir Deutschland? Folge 6: Ein Lebenslauf für Ajmal

50 Prozent der Flüchtlinge werden innerhalb von fünf Jahren nach ihrer Ankunft Arbeit finden, sagt die Bundesagentur für Arbeit. Aber ist das wirklich realistisch? Und wie soll das praktisch funktionieren? Wie klappt die Jobsuche, wenn man noch kein oder sehr wenig Deutsch kann? Ajmal ist nach Deutschland geflohen und will sich mit der Hilfe eines Münchner Startup bei deutschen Firmen bewerben.

Ajmal ist 19 und kommt aus Afghanistan. Wir haben ihn getroffen, als wir beim Lebenslauf-Coaching des Startups Social Impact Recruiting waren. Finanziert von Unternehmen und privaten Spenden, arbeitet das Team daran, Flüchtlingen bei der Bewerbung zu helfen und ihnen Jobs zu vermitteln. Was sind die Hindernisse dabei? Und wie könnte man die Situation verbessern?

1. Warum gerade dieses Thema?

Wie können wir Flüchtlinge so qualifizieren, dass sie bereit sind für den deutschen Arbeitsmarkt – ist das überhaupt schaffbar? Unsere Leser kritisieren zum einen, dass Qualifizierungsprogramme nicht ausreichen und zum anderen, dass sie sich insgesamt nicht kontinuierlich genug informiert fühlen. Für Sofia ein Grund für mögliche Konflikte:

„Viele Deutschen sagen, dass unsere Steuer direkt an Flüchtlinge ausgezahlt wird, ohne dass sie dafür arbeiten müssen. Diese Leute haben keine Ahnung, dass Asylbewerber meist keinen Job annehmen dürfen. Warum dürfen Asylbewerber nicht arbeiten, bis sie endlich „akzeptiert“ werden?“

Außerdem wolltet ihr wissen, wie man die bürokratischen Prozesse verbessern kann und wo das bereits passiert.

„Spannend fände ich auch, welche Pläne es mit den Flüchtlingen gibt. Nach und nach verschwinden sie aus den Nachrichten. Aber was ist mit den zusätzlichen Beamten und den optimierten Prozessen? Geht es voran?“

Wir wollten schauen, welche Angebote es außerhalb der Ämter und Behörden gibt, welche Möglichkeiten es gibt, die Lücke zwischen Flüchtlingen und Firmen zu schließen.

2. Welche Schwierigkeiten traten bei der Recherche auf?

Das Lebenslauf-Coaching des Startups ist für jeden offen, keiner muss sich vorher anmelden. Das heißt, wir wussten vorher nicht, wer kommen wird und konnten nicht vor dem Termin schon mit den Leuten abklären, ob sie vor die Kamera wollen oder nicht. Einige der Flüchtlinge wollten nicht öffentlich über ihre Arbeitssuche sprechen. Von den Bewerbern haben dann zwei mit uns auch vor der Kamera geredet. Der andere Bewerber neben Ajmal, Eneh aus Nigeria, hat seinen Lebenslauf schon an einem anderen Tag im Coaching geschrieben und war dieses Mal da, um sich für eine weitere Schulausbildung einzuschreiben.

Bislang gibt es nur sehr wenig Information über die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Nach einer repräsentativen Erhebung der Bundesagentur für Arbeit von Geflüchteten waren im Sommer und Herbst 2016

  • von den 2015 zugezogenen Geflüchteten im erwerbsfähigen Alter 10 Prozent
  • von den 2014 zugezogenen 22 Prozent
  • und von den 2013 zugezogenen 31 Prozent erwerbsfähig.

Das entspricht laut Bundesagentur weitgehend der Beschäftigungsstatistik. Wenn man allerdings Praktika und geringfügige Beschäftigungen nicht miteinbezieht, arbeiten

  • von den 2015 zugezogenen 5 Prozent
  • von den 2014 zugezogenen 13 Prozent
  • und von den 2013 zugezogenen 21 Prozent.

Das heißt also, viele der Flüchtlinge, die einen Job haben, verdienen dabei gar kein oder nur wenig Geld. Die Bundesagentur rechnet damit, dass innerhalb von fünf Jahren nach ihrer Ankunft 50 Prozent der Flüchtlinge Arbeit finden und nach 15 Jahren knapp 70 Prozent. Das entspricht laut Bundesagentur den Beschäftigungsquoten der Migranten, die aus anderen Gründen nach Deutschland eingereist sind. Die konjunkturellen Rahmenbedingungen seien gut und es werden viele Investitionen in die Integration gesteckt. Aber sie schreiben in ihrer Erhebung auch: „Gesichert ist, dass die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten mehr Zeit in Anspruch nimmt als die Integration von anderen Migranten. Das ist jedoch angesichts der Vielzahl institutioneller Hürden und der ungünstigeren Voraussetzungen der Geflüchteten für die Integration nicht überraschend.“ Die andere Hälfte der Flüchtlinge wird also in zehn Jahren immer noch nach einem Job suchen, sich weiterbilden oder in unbezahlten oder schlechtbezahlten Aushilfsjobs hängenbleiben.

Jobcoach Yvonne Giesing hat die Daten aller Bewerber des Startups in ihrer Doktorarbeit am ifo-Institut ausgewertet. Bei den Bewerbern bei Social Impact Recruiting sind die Zahlen vergleichbar mit denen der Arbeitsagentur. Aber Yvonne sagt auch: „Unsere Erfahrungen gilt natürlich nur für München. Hier ist der Arbeitsmarkt sehr gut im Vergleich zu anderen Teilen Deutschlands. Und was man auch nicht vergessen darf: Viele arbeiten dann in Jobs, für die sie eigentlich überqualifiziert sind.“ In den vergangenen drei Jahren sind 1,6 Millionen neue Stellen für ungelernte Hilfsarbeiter entstanden. Für diese Jobs muss man keine Ausbildung haben und kommt auch mit schlechten Deutschkenntnissen durch. In einem Artikel der ZEIT schlussfolgert der Migrationsexperte Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg: „Die meisten Flüchtlinge werden im Bereich der angelernten Helfer landen, also nicht als Fachkraft bei Daimler, sondern eher als Hilfskraft in der Dönerbude.“

Was auch ein großes Problem ist: Bei vielen jobsuchenden Flüchtlingen ist der Aufenthaltsstatus noch nicht geklärt. Wie bei Ajmal, der zwar arbeiten darf, aber nur mit Genehmigung der Ausländerbehörde.

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Und da er aus Afghanistan kommt, das von der Bundesregierung als sicheres Herkunftsland deklariert wurde, kann er jederzeit abgeschoben werden.

3. Was haben wir gelernt?

Es gibt offensichtlich einen großen Bedarf bei der Jobvermittlung zwischen Flüchtlingen und Firmen. Bei der Arbeitsagentur sind viele der Flüchtlinge zwar als jobsuchend registriert. Aber wer gerade erst angefangen hat Deutsch zu lernen, hat es schwer mit den vielen unverständlichen Formularen.

Gegründet hat das Startup Social Impact Recruiting Jin-Ju Jahns. Sie kommt ursprünglich aus Montana (USA) und hat im Team viele Leute, die selbst einen Migrationshintergrund haben und im Zweifelsfall übersetzen können im Gegensatz zur Arbeitsagentur viel Zeit für die Bewerber haben.

Gründerin Social Impact Recuriting Jin-Ju Jahns

Jin-Ju, die Gründerin von Social Impact Recruiting, hatte die Idee für das Startup vor anderthalb Jahren. Im Sommer 2015 hat sie ein Gartenprojekt in der Bayernkaserne (eine Erstaufnahme für Flüchtlinge) gestartet. Zusammen mit den Bewohnern hat sie Tomaten gepflanzt und Erdbeeren. Aber am Ende des Sommers hat sie sich gefragt, ob sie damit wirklich jemandem geholfen hat. Denn viele Flüchtlinge fragten sie: „Wie kann ich in Deutschland arbeiten?“ Darauf hatte sie keine Antwort. Zu dem Zeitpunkt hatte sie noch keine Ahnung von Asyl- und Arbeitsrecht und stellte aber fest, dass es für Flüchtlinge nur Online-Angebote gibt, also gründete sie Social Impact Recruiting, um ein Angebot vor Ort zu schaffen. Sie sagt:

„Wir sprechen alle über Integration. Aber viele verstehen nicht, was das bedeutet. Integration heißt: Beide Seiten verändern sich und lernen voneinander. Viele Deutsche sagen Integration, meinen aber Assimilation. Sie sagen zu den Geflüchteten: Ihr müsst unsere Sprache und Kultur lernen. Das ist ja auch richtig, aber es muss auch ein Austausch stattfinden.“

95 Prozent der Leute, die zum Lebenslauf-Training kommen, sind männlich. Es kommen zwar viel mehr männliche als weibliche Flüchtlinge nach Deutschland (ca. 70 Prozent sind Männer). Dass die Frauenquote bei der Jobsuche noch geringer ist, könnte laut Yvonne, die nebenbei die Daten der Bewerber für ihre Doktorarbeit auswertet, daran liegen, dass die Frauen oft kleine Kinder haben und diese betreuen müssen oder schwerer traumatisiert sind. Yvonne und Jin-Ju wollen zwar in Zukunft auch ein Programm speziell für Frauen anbieten, das wird aber noch ein bisschen dauern.

Das Startup gibt auch manchmal Tipps, die über die bloße Jobsuche hinausgehen, wie Jin-Ju erzählt: „Manchmal sagen sie zu einer Frau: ‚Hey, du bist hübsch!‘ Das ist als Kompliment gemeint und hat auch damit zu tun, dass die Deutschkenntnisse noch zu gering sind. Aber wenn du das zu deiner Chefin sagst, dann wirst du diesen Job nicht lange haben.“

Den Fall, dass Bewerber direkt eine Festanstellung bekommen haben, gab es übrigens erst bislang zweimal. Einmal vermittelte das Startup einen IT-Ingenieur. Und einmal einen nigerianischen Kamelpfleger an einen Zoo auf dem bayerischen Land. Beides Jobs, für die sie kein Deutschkenntnisse brauchten. Schwierig ist bei der Vermittlung auch, dass die Bewerber oft innerhalb eines Bundeslandes umziehen müssen. „Wir vermitteln ein Vorstellungsgespräch und stellen dann fest: Derjenige wohnt mittlerweile drei Stunden von hier und darf nicht mehr zurück.“, sagt Yvonne. Man darf nur umziehen, wenn man kein Geld mehr vom Staat in Anspruch nimmt, also bereits einen Job hat. Ein Teufelskreislauf.

Und wie sieht es mit den Qualifizierungsprogramme von staatlicher Seite aus? Yvonne sagt: „Davon gab es vor ein paar Monaten tatsächlich noch sehr wenige, inzwischen gibt es mehr. Ich glaube, die Politik fängt so langsam an…“

4. Was hätten wir besser machen können?

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