Politische Diskussionskultur: Lasst uns streiten!

Warum ist die Diskussionskultur im Netz so furchtbar? Und was hat das mit Politik zu tun? Wir besprechen Antwortversuche und weiterführende Fragen. Denn auf Facebook rumnölen und über „die da oben“ oder „die doofen Wähler“ schimpfen, kann jeder. Was wir mit euch in den nächsten Monaten vorhaben ist viel anstrengender: Streiten. Aber gepflegt.

 

Streiten. Aber gepflegt!

Lasst uns streiten! (Bild stammt ursprünglich vom Capoeira bei einer Recherche in Brasilien)

Wann hat es eigentlich angefangen, dass sich unsere Facebook-Freunde gegenseitig anpöbeln? War es, als immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland kamen? Oder erst als PEGIDA dagegen auf die Straße zog? Oder hat es vielleicht mit ganz anderen Dingen zu tun?

Wir sind Journalistinnen und damit traditionell daran gewöhnt, beschimpft zu werden. Früher lief das per Leserbrief, heute als Kommentar. Das ist also nicht neu. Neu ist vielmehr, dass Leser und Zuschauer sich heute gegenseitig beschimpfen und zwar vor allem, wenn es um politische Themen geht und am liebsten in Kommentarsträngen zu Postings, von denen sie nur die Überschrift gelesen haben. Doch wie sollen wir und ihr uns in dieser aggressiven Flüchtigkeit eine Meinung für die Bundestagswahl im nächsten Jahr bilden? Wie sollen wir wichtige Sachfragen besprechen, wenn uns die feindseligen Alltäglichkeiten dazwischenfunken?

„Was ist los mit dir, Deutschland?“ wollten wir von euch wissen und ab Herbst zehn zehnminütige Videos und Texte zu politischen Inhalten produzieren. Viele der Rückmeldungen, die wir bislang bekommen haben beziehen sich nicht nur auf das “was” wir recherchieren und diskutieren sollen, sondern vor allem auf das “wie.”

Das fanden wir so interessant, dass wir beschlossen haben, es in diesem Artikel zusammenzufassen und es mit einer Aufforderung zu verbinden. Einer Aufforderung zum gepflegten Streit. Denn offensichtlich haben wir das Streiten über politische Themen verlernt. 

Oder wie User Andreas es ausdrückt:

Irgendwas stimmt nicht mit der Auseinandersetzungskultur. Mit Akzeptanz, Respekt und Solidarität. „Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.“ – Das war einmal, so scheint es. Heute habe ich Recht, jede andere Meinung ist falsch. Jeder andere Lebensentwurf verachtenswert. Und wer mir im Weg steht, gehört aus dem Weg geräumt. Mit welchen Mitteln auch immer. Jedenfalls wird die Zahl derer, die mit diesem Habitus auftreten, immer größer. Und eine gesellschaftliche Ächtung dieses Verhaltens findet nicht statt.

 

So wie sehr viele uns bekannte Journalisten inzwischen resigniert sagen “Leserkommentare lese ich aus Prinzip nicht, ich möchte mir wenigstens noch ein bisschen Lebensfreude erhalten”, haben sich auch immer mehr Nutzer damit abgefunden, dass bei Online-Diskussionen ja eh nichts Sinnvolles rauskommt und halten sich heraus. Kolumnist und Rothaar Sascha Lobo veröffentlichte Anfang Januar einen “Aufruf an die mindestens durchschnittlich Begabten”, sich doch mehr an der politischen Debatte zu beteiligen.

Leser Sven hat uns berichtet, dass er mit vielen alten Freunden bewusst Themenbereiche ausspart.

Wir sprechen nicht mehr über Flüchtlinge. Wir reden nicht mehr über Angela Merkel. Wir diskutieren nicht mehr über das, was die Zeitungen schreiben. Wir streiten nicht mehr miteinander.

Und Ben schilderte unter einem unserer Beiträge eine Begegnung mit seiner Friseuse.

Vor einigen Monaten hatte meine (damalige) Friseurin auf Facebook ein Bild geteilt mit der Aussage, man solle doch erstmal die Obdachlosigkeit in Deutschland beseitigen und sich erst dann um Flüchtlinge kümmern. Ich habe – und das war ernst gemeint – angeboten, dass mir diese Friseurin doch bitte eine obdachlose Person vorstellen soll, die es nicht schafft, ein Dach über dem Kopf zu bekommen, um diese dabei zu unterstützen. Mir war direkt klar, dass ich hier keine sinnvolle Antwort erwarten müsse. Nun, die kam auch nicht – und nun habe ich eine neue Friseurin, die ich nicht auf Facebook befreunde, aber aufgrund der Optik (ja, das böse Schubladendenken) auch eher der linken als der rechten Ecke zuordnen würde.

Was diese und andere User-Erfahrungen verbindet, ist die Tatsache, dass sie zwar inhaltlich genug politisches Streitmaterial haben, ihnen aber die Form fehlt, um diesen Streit auch auszutragen. Denn seit wann eigentlich ist Streit etwas Schlechtes? Vermutlich seit wir als Gesellschaft verlernt haben, über politische Inhalte zu streiten, ohne uns zu beleidigen, seit wir das Gefühl haben, dass die Diskussionen von den Lauten beherrscht werden. „Die schweigende Mehrheit“ nennt unser User Kreitschie das Phänomen in einem Kommentar auf diesem Blog.

“Viele junge Menschen sind z.B. ab Ende der 60er und in den 70ern auf die Straßen gegangen. Sie waren politisiert und wie selbstverständlich öffentlich positioniert. Und heute? Man hat den Eindruck, dass viele mit Politik bzw. den politischen Fragen gar nichts am Hut haben wollen. Austausch, Konflikt, Diskussion, Reibung wird nicht mehr gesucht, oder gar aus dem Weg gegangen.

 

Wer bei Facebook Stellung bezieht, etwa zur Einkommensungerechtigkeit, Flüchtlingskrise, kommunalen Fragen usw., der verschwindet ruckzuck aus den Streams der Facebook-Kontakte.

Ich zähle mich häufig selbst dazu. Kürzlich war ich bei einer Demonstration – und habe mich wie ein Alien gefühlt. Nicht von den Teilnehmern her, sondern… naja, ich kann’s selbst nicht beschreiben…

„Schämt“ man sich zu sehr, öffentlich und aktiv Position zu beziehen und die Diskussion zu suchen? Wofür? Warum? Was war früher anders? Was hat sich geändert? Welche Rolle spielt die Digitalisierung? Welche Altersstufen sind davon betroffen und was für weitere Folgen hängen damit zusammen? Was kann man dagegen tun?”

Und auch Andreas fragt sich:

„Warum ist diese Entwicklung so? Stinkt der Fisch vom Kopf? Und wer ist dieser Kopf? Hat das mit sozialer Kälte zu tun? Und wird dieser von politischem Handeln dominiert? Globalisierung? Kapitalismus? Konsumismus? Hartz 4? Ist die AfD einfach nur Ausdruck einer solchen Kälte? — Ich würde mir wünschen, dass ihr das mal hinterleuchtet. Vielleicht beginnend bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser Frage bis hin zum politischen Personal.“

Der Wunsch unseres Users Marian dazu:

„Wichtig wäre ein Versuch herauszufinden, warum eine so alles erschlagende Verdrossenheit herrscht. Warum die Diskussionskultur so „unterirdisch“ ist. Mit unsere alles vernetzenden Glasfaserkabeln im Boden sollte man doch meinen, dass wir uns besser verstehen sollten…“ ….

Der Ton in Deutschland ist an vielen Ecken rau und fast unerträglich laut geworden, an anderen verstummt. Wir würden ihn gerne neu justieren. Mittlere Lautstärke, nicht übersteuert. Und auch die mitreden lassen, die sich sonst nicht mehr zu Wort melden, die aus dem öffentlichen Diskurs einfach rausgeflogen sind wie aus einem Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel. Weil die Redundanz sie ermüdet. Weil sie keine Lust haben, für ihre Meinung beleidigt zu werden.

Einen (politischen) Streit austragen, ohne den anderen mit verbalen Schlägen unter der Gürtellinie auszuknocken, vielleicht müssen wir das wieder lernen, weil Streit außerhalb von gezielten Veranstaltungen wie Demonstrationen oder Wahlkampf früher etwas privates war und es durch das Netz heute eine neue Öffentlichkeit gibt, in der wir uns streiten. Wenn jede Diskussion sich auf „Gutmensch“ oder „Nazi“ reimt, wer hat dann noch Lust sich daran zu beteiligen? Und dass obwohl wir – wie Marian schrieb – so gute technische Möglichkeiten haben, gemeinsam zu diskutieren und uns gegenseitig zu informieren wie nie zuvor. Marian macht dafür auch die Geschwindigkeit und die allgemeine Smombiehaftigkeit (gerade wir Jungen kleben die ganze Zeit am Smartphone) verantwortlich:

“In Projektseminaren für Nachhaltigkeit bekommt man vorgehalten, dass wir Deutsche so leben, als hätten wir 4 Erdoberflächen zur Verfügung. Trotzdem sitzt ein Großteil der Studenten vor ihren Laptops oder Handies und schaut sich Kram auf 9gag an. Fast jeder Mensch beschwert sich über die Politik, über die vollgestopften Straßen und den öffentlichen Verkehr und die Preise, die steigen und als letztes über die viel zu wenigen Kulturangebote im Dorf oder Stadtviertel. Ja, wieso? Weil ein Großteil nur konsumiert aber nichts gestaltet oder auch nur ansatzweise sein Verhalten überdenkt.” 

Und User Clemens rät uns, uns mit der Filterbubble auseinanderzusetzen, also mit der Frage: Was kriegen wir überhaupt noch wirklich von den Menschen mit, die eine andere Meinung haben als wir? Wann begeben wir uns auf ein Terrain, auf dem unsere Einstellung exotisch ist? Tun wir das überhaupt noch?

Diese Frage ist auch gerade für Journalisten wie uns essentiell, die in ihrem Freundeskreis überwiegend junge, gut verdienende, liberal eingestellte Großstadtmenschen haben: Was kriegen wir überhaupt von der Realität mit und wie sieht die Realität aus in die ihr uns gerne schicken würdet? Fallen euch vielleicht Ideen ein, wie man verschiedenen Filterblasen, also Blickwinkel auf die Realität, miteinander verbinden könnte? Wir hatten die Idee, dass man zum Beispiel zwei Personen, die sehr unterschiedliche politische Einstellungen haben, einen Tag lang ihre Accounts tauschen lassen könnte. Was meint ihr? Und: Wer würde sich dafür eignen?

Wir wollen im Mittelgroßen, also mit ein paar tausend Usern, ausprobieren, was im Kleinen (Familie und Freunde) und im ganz Großen (Kommentarstränge dieser Welt) nicht mehr störungsfrei funktioniert.

Dass es dafür nicht nur die technischen Möglichkeiten, sondern auch ein Bedürfnis gibt, zeigen die Themenideen, die wir in den vergangenen Wochen erhalten haben. Und das zeigt auch die Wut, die zumindest bei einem Teil der Leute durchscheint.

User Rene schrieb uns, dass er zumindest virtuell immer öfter nach Thailand flüchtet, weil er Deutschland nicht mehr ertragen kann:

“… weil mich der Zank und das bockige Geschrei der rechten, linken und der Gutmenschen dazwischen geärgert hat, deprimiert gemacht hat und ich es zum Kotzen fand. Sorry. Die Politiker veräppeln die Leute auf der Straße. Die Presse spielt ihr eigenes Spiel. Die Wirtschaft nutzt den ganzen Trubel. Die Flüchtlinge wurden ebenso verarscht. Die Hooligans globben sich jetzt wie blöd in Frankreich. Der ganze Bioquatsch, Energiewendemist und Klimawendekack nervt. Nicht das es nicht wahr ist und gut ist…aber es interessiert alles nur, bis was anderes wichtiger ist oder man den Schaden, der mit huckepack kommt, schöngeredet hat. Wir schreien uns im Keller an. Bei den nächsten Oktoberfest stehen wieder die Dorfrechten mit ihren T-Shirts da und ich ärgere mich, das es keinen interessiert.”

Das klingt sehr wütend und auch nach Ohnmachtsgefühl nach dem Motto “Uns hört niemand, unsere Meinung interessiert niemanden und die doofen Politiker machen eh was sie wollen.” Oder wie es User Dirk sagt:

”Es gibt eine zunehmende Kluft zwischen politischer Klasse und Bevölkerung.”

Vielleicht ist es dieses Jahr auch Teil unseres Jobs, aufzuzeigen, wo Eigenverantwortung anfängt. Nur rumhaten ist kein gewinnbringender Beitrag zur Demokratie. Sich kluge Fragen an Politiker zu überlegen schon. Sich selbst politisch zu engagieren, wenn man das Gefühl hat, dass das alles doch auch ganz anders gehen könnte, auch. Rene haben wir gefragt, welchen konstruktiven Vorschlag wir denn aus seiner Wutrede herausziehen können und er meinte, er würde sich eine Beschäftigung mit den von ihm erwähnten Dorfrechten wünschen.

Aber auch ihr seid gefragt, mitlesende Politiker: Was wollt ihr denn von euren Wählern? Welche Fragen habt ihr an sie? Welche Vorurteile über eure Partei nerven euch? Und welche stimmen vielleicht?

Jeder von uns kann sich politisch einbringen. Fangen wir doch einfach jetzt an, indem wir – sowohl die Parteien als auch die Leute, die nicht unserer Meinung sind –  in eine gemeinsame Diskussion treten.

Lasst uns streiten! Lasst uns nicht darüber spekulieren, was andere denken, lasst uns sie fragen und ihnen widersprechen, sie überzeugen oder uns von ihnen überzeugen lassen. Wessen Meinung würdet ihr gerne erfahren? Mit wem würdet ihr gerne mal so richtig diskutieren? Und welche Ideen habt ihr dazu, wie wir aus der Filterblase ausbrechen können?

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich finde es toll, dass ihr euch an so ein schwieriges und komplexes Thema herantraut. Die Frage ist nur, was wirklich gegen die Verrohung der Diskussionskultur wirkt. Es gibt das Prinzip des „Counter Speech“ (im Gegensatz zum „Hate Speech“), wobei auf den Hater eingegangen wird, um die Hintergründe des Handelns freizulegen. Aus meiner Sicht ist das vielleicht bei Verwandten und Freunden möglich, bei den richtigen Trollen ist das aber wahrscheinlich aussichtslos. Ein Idee wäre ja, einen solchen Troll ausfindig zu machen und zu interviewen, so wie es Kathrin Spoerr mit dem nicht ganz unbekannten „Kampfschlesier“ vorgemacht hat:
    http://www.welt.de/vermischtes/article156150434/Der-Mann-der-gegen-alles-kaempft-was-links-ist.html

    Ich würde mich selbst als links einordnen, wehre mich aber dagegen jeden „besorgten Bürger“ sofort als Nazi abzutun. Stigmatisierung bringt uns keinen Schritt weiter – wo es ein links gibt, gibt es auch ein rechts. Aus Erfahrung würde ich aber auch sagen, dass es vielen nicht um die Sache (Fakten-Fakten-Fakten), sondern um Aversionen gegen bestimmmte Personen oder Gruppierungen geht. Jedenfalls legen das die gezielten Fehlinformationen nahe. Wie soll man sich mit diesen Personen konstruktiv auseinandersetzen? Eine Möglichkeit ist ja, das Gemeinsame hervorzuheben: Burkas etc. findet niemand gut, soweit ich das beurteilen kann. Aus meiner Sicht bekämpft man mit einem Verbot jedoch nur ein Symptom des Patriarchats und diskriminiert die eigentlichen Opfer. Gibt es keine alternativen Lösungsvorschläge? Die Frage sichtet sich zum einen an die christdemokratischen Innenminister der Länder, die ein Burkaverbot forcieren, und an Verbände, die sich für Gleichberechtigung einsetzen (von der AfD erwarte ich ehrlich gesagt keine zufriedenstellenden Antworten).

  2. Ihr habt den ersten Schritt bereits geschafft: bring it on the table. Jetzt kommt es darauf an, auch diejenigen einzubringen, über die hier geredet wird oder die zumindest mitgedacht sind. Keine Ahnung, wir Ihr das machen werdet, nötig ist es aber, um anschließend eine therapierte Gesprächskultur qua Feldversuch wieder unter die Leute zu bringen.

Du willst mitdiskutieren? Dann los!