Greenpeace zur Sperrzone von Fukushima: „Die Rückbesiedlung ist ein Fehler!“

Fukushima_heute

Umweltorganisationen betrachten die Aufräumarbeiten in Fukushima mit Skepsis. Wir haben uns von Cornelia Deppe-Burghardt von Greenpeace erklären lassen, wieso.

Frau Deppe-Burghardt, die Evakuierten aus den verstrahlten Gebieten der Präfektur Fukushima sind teilweise skeptisch gegenüber der Regierung. Eine ältere Frau aus einer Notunterkunft erzählte uns, dass sie den Messwerten der japanischen Regierung nicht traut. Was halten Sie von der Informationspolitik der japanischen Regierung beim Thema Fukushima? 

Ich glaube nicht, dass die japanische Regierung Messgeräte manipuliert. Aber die Regierung misst nicht so genau wie wir und sie misst nicht flächendeckend. Rund um das Messgerät in Fukushima Stadt wurde außerdem neue Erde aufgeschüttet, da wurden künstliche Bedingungen geschaffen! Zur Informationspolitik insgesamt: Vor zwei Jahren hat die Regierung ein Gesetz zur Reglementierung der Informationsweitergabe beschlossen, das heißt: Es darf nichts mehr veröffentlicht werden, das dem Staat schaden könnte. Das Gesetz ist so allgemein gehalten, dass es auch auf Informationen über Fukushima ausgeweitet werden kann. Das verurteilen wir natürlich.

Wir waren in Iitate unterwegs, einem Geisterdorf, in das ab 2017 wieder Menschen ziehen sollen. Halten Sie die Rückbesiedelung für eine gute Idee?

 

Cornelia Deppe-Burghardt von Greenpeace

Cornelia Deppe-Burghardt von Greenpeace

Nein! Die Dekontamination von Iitate war ein Fehler! Man hätte sich drauf konzentrieren sollen, Fukushima Stadt zu dekontaminieren. Dort gibt es immer noch Hotspots – darum hat man sich kaum gekümmert. Für uns ist es einfach der falsche Weg, ein so hoch kontaminiertes Gebiet zwangsweise rückbesiedeln zu wollen.

Was meinen Sie mit zwangsweise? Es ist doch schon die freie Entscheidung der Menschen, ob sie zurückgehen oder nicht, oder?

Nein, denn die Leute werden stark unter Druck gesetzt: Die Entschädigungszahlungen laufen aus. Dadurch haben viele Leute keine andere Wahl. Und die Gemeinde Iitate ist schwer kontaminiert. Unsere regelmäßigen Messungen beweisen das: Wir haben bei verschiedenen Leuten zuhause gemessen und sie beraten. Außerdem untersuchen wir gerade auch die radioaktive Belastung des Pazifiks vor Fukushimas Küste und an den Flussmündungen. Die Ergebnisse kommen in ein paar Wochen.

Was haben die Leute erzählt, bei denen Sie Zuhause waren?

Die meisten, mit denen wir gesprochen haben, wollen nicht mehr zurückkehren, die sehen die gesundheitlichen Risiken, haben aber oft keine Wahl. Sie werden im Prinzip von der Regierung total im Stich gelassen in ihren Notunterkünften. Aber es dauert ja noch ein Jahr bis zur Rückbesiedlung, viele haben sich sicher noch nicht entschieden, was sie machen wollen.

Wie viele Leute wohnen denn noch in den Notunterkünften?

Es gab insgesamt 160 000 Evakuierte, von denen leben 63 000 immer noch in provisorischen Notunterkünften.

Der Wald, der Iitate umgibt, wird ja nicht dekontaminiert, Greenpeace kritisierte das in der Vergangenheit mehrmals öffentlich. Wieso ist das aus ihrer Sicht schlimm?

Es wird insgesamt nur ein Viertel von Iitate dekontaminiert, nämlich die Wohngebiete. Und da ist der Wald nicht dabei, nur eine Zone von 20 Metern rund um das bewohnte Gebiet herum. Aber das allergrößte Waldgebiet ist ausgenommen. Dabei ist die Strahlenbelastung in den Wäldern vergleichbar mit der Strahlenbelastung in der 30km-Sperrzone um Tschernobyl. Es ist erwiesen, dass sich die Radioaktivität im Wald in den Pflanzen ansammelt und durch Wind und Regengüsse auch in andere Gebiete geschwemmt wird, so gelangt sie dann wieder zu den Häusern und Straßen. Auf diese Weise werden eigentlich dekontaminierte Orte durch die Wälder immer wieder neu kontaminiert. Iitate ist ja von vielen Wäldern umringt. Es ist vergebliche Mühe, den Ort zu dekontaminieren, weil alles durch den Wald wieder zurückkommen wird.

Haben die Dekontaminierungsarbeiten dann aus Ihrer Sicht überhaupt etwas gebracht?

Man muss sich ja überlegen, warum die Regierung das überhaupt gemacht hat. Nämlich erstens, um sich die Entschädigungszahlungen zu sparen. Wenn die Leute zurückkehren und das Gebiet freigegeben wird, müssen sie ja nichts mehr zahlen, das heißt, die Rückkehr lohnt sich finanziell für Tepco und die Regierung. Außerdem wollte die Regierung die Botschaft senden: Ein Atom-Unfall kann aufgeräumt werden! Wir können die Folgen beseitigen, sodass ein Leben dort wieder möglich ist. Das passiert natürlich auch wegen Olympia 2020, das in Tokio stattfinden soll. Da möchte die Regierung den anderen Ländern natürlich nicht das Gefühl vermitteln, dass es gefährlich ist, in das Land zu reisen. Wenn die Regierung das durchzieht und die Leute zurückkehren, dann ist deren Ziel erfüllt. Aus unserer Sicht ist das unverantwortlich, das sagen auch Ärzte und Wissenschaftler.

Sie sagen, Ärzte sehen die Rückkehr skeptisch. Bislang gibt es aber offiziell keinen einzigen Strahlentoten durch den Reaktorunfall von Fukushima. Ist das für Sie glaubhaft?

Es gibt keine belastbaren Zahlen zu möglichen Strahlungstoten. Niemand in der Bevölkerung hat eine tödliche Dosis abbekommen. In den japanischen Zeitungen war mal von 3200 Toten die Rede. Das kann ich aber nicht bestätigen, das habe ich nur dort gelesen. Es wird immer mal wieder von Arbeitern berichtet, die sich aus Verzweiflung das Leben nehmen. Berichte über Krebstote, deren Tod kausal auf die Arbeit im AKW zurückzuführen ist, gibt es bisher nicht. Es wurden allerdings 300.000 Kinder in der Präfektur Fukushima untersucht und unter denen gab es mehr als 100 bestätigte Fälle von Schilddrüsenkrebs – ansonsten kenne ich keine weiteren Statistiken.

Einem Experten zufolge mit dem wir gesprochen haben, ist eine geringe Strahlenbelastung wie in Iitate für den Menschen nicht gefährlich.

Man weiß bislang noch nicht, was eine konstante Aussetzung einer geringen Radioaktivität für Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Wir sind eher misstrauisch. Ich selbst war zweimal vor Ort in Fukushima, das letzte Mal vor wenigen Wochen und da gab es auch noch Hotspots: Auf einem Grundstück von jemandem, den wir in Iitate besucht haben, sammelte sich zum Beispiel die Radioaktivität am Ende einer Regenrinne, weil sie vom Dach herunterfließt. In die Gebiete sollen ja auch Kinder zurückkommen. Wenn durch solche Konstellationen Pfützen entstehen, spielen diese Kinder im verseuchten Wasser.

Sind die Arbeiter aus Ihrer Sicht gut genug geschützt?

Wir haben mit den Arbeitern selbst nicht gesprochen, aber es gibt ganz viele Leute, die selbst aus der Region stammen und die es als ihre persönliche Verantwortung sehen, dass sie in Fukushima aufräumen. Unter den Arbeitern gibt es auch ungelernte Kräfte von irgendwoher, die einen Job gebraucht haben. Meines Wissens nach werden aber die Arbeitszeiten der Menschen überwacht und es gibt Grenzwerte.

Wir haben bei unserer Recherche die junge Deutsche Isabel getroffen, die sich dafür einsetzt, dass Lebensmittel aus Fukushima wieder gegessen werden. Halten Sie die Lebensmittel auch für unbedenklich?

Die Lebensmittel werden streng überprüft, trotzdem sind viele Leute misstrauisch und es gibt starke Absatzprobleme. Allem Anschein nach ist das Essen aber in Ordnung und es besteht keine Gefahr für die Gesundheit, wenn man Produkte aus der Präfektur isst.

Shoko, eine Japanerin, die wir auf einer Demo kennen gelernt haben, will jetzt aus Protest gegen die Regierung Anwältin werden, um Tepco zu verklagen. Gibt es da denn so viele Klagen?

Hunderte Japaner klagen gegen Tepco und die Regierung. Gerade wurde zudem Anklage erhoben gegen drei führende Manager von Tepco: Ihnen wird die Verletzung ihrer Sorgfaltspflicht vorgeworfen. Wider besseres Wissen haben sie es versäumt, eine Katastrophe wie den Tsunami vorherzusehen und Vorkehrungen dafür zu treffen.

Etwas andere Ansichten als Greenpeace hat übrigens Strahlenforscher Prof. Georg Steinhauser. Seine Einschätzungen könnt ihr hier lesen.