Nix wie Heimat: „Wir sind nicht eure neuen Heidis“

Drei Monate lang sind wir im vergangenen Jahr für euch durch Deutschland gereist, entstanden sind daraus zwölf Mini-Filme und unser Buch „Nix wie Heimat!“ Jetzt wo das Buch draußen ist und wir zurück in Deutschland sind, haben wir alle Videos für euch noch mal hervorgekramt.

„Was ist Heimat? Wir suchen nach bisher verborgenen Seiten Deutschlands. Welche Orte werden wir entdecken? Was wird unser eigenes Land mit uns anstellen? Was werden wir über seine Bewohner lernen? Heimat, das ist doch dieses komische Wort, das in Volksliedern und 50er-Jahre-Filmen vorkommt. Keine Angst: Wir werden nicht eure neuen Heidis! Wir wollen uns dem Begriff und dem Land ebenso kritisch wie neugierig nähern. Wochenlang durch Deutschland gereist sind wir noch nie und mal ehrlich, wer würde das auch freiwillig machen? Mit Mitte 20 sind wir in einem Alter, in dem die meisten von uns sich eher davonmachen als ihre Heimat zu erkunden.“

Buchcover

Das Besondere an unserer Recherche-Reise war ja, dass wir wie immer nur das gemacht haben, was ihr uns aufgetragen habt. So landeten wir bei Flüchtlingen, Borderline-Patienten, Seemännern, Nonnen, im Zirkus und und und … Für das Buch haben wir ihnen allen die Frage gestellt „Wenn Deutschland ein Mensch wäre – was für eine Person wäre dieses Deutschland dann für dich?“ und überlegt, was dieses schnulzige Wort „Heimat“ eigentlich heutzutage bedeutet.

Die Texte für das Buch haben wir abwechselnd geschrieben, dementsprechend sind die einzelnen Passagen mit „Lisa“ oder „Steffi“ gekennzeichnet. Für alle, die sich unser Buch gekauft haben und ein paar der dazugehörigen Menschen gerne noch mal sehen würden, haben wir euch hier noch mal alle Videos von unserer Reise aufgelistet. Schön sortiert nach Wochen, damit ihr beim Kapitel-Lesen die Filme leichter findet.

Woche 1:

Wo landet eigentlich unser ganzes Plastik? Um das herauszufinden, haben wir auf Helgoland einen Fisch aufgeschnitten. Das sah so aus:

Die Hintergrundstory zu unser aller Plastikkonsum, unsere Begegnungen mit Müllmann Manni und wie wir mit einem der ältesten Bewohner Helgoland eine kleine Zeitreise in die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg machten, lest ihr in Kapitel 1.

Unser Lieblingszitat aus dem ersten Kapitel: Der Fußballplatz war einer der ersten Orte, den die Wiederaufbauer nach der Sprengung wieder hochzogen. Typisch für Deutschland, dass nach dem Krieg erst mal der Fußballplatz aufgebaut wird, bevor Schulen und Bäckereien dran sind. Der Fußball scheint für diese Nation nun mal lebensnotwendig zu sein. „Das erste Fußballspiel auf Helgoland“ hat uns Zeitzeuge Paul Artur Friedrichs erklärt, „das war Hauruck gegen Steinbrecher. Im Tor von Steinbrecher stand ein Prokurist und der hatte nur ein Bein.“

Woche 2:

Weiter ging es zu den Sorben. Sorben? Wer sind die denn eigentlich? Helena erklärte es uns in Bautzen:

Außerdem schliefen wir im Künstlercamp der Ostrale, erlebten ein Fußball-WM-Finale mit gemischten Gefühlen und machten uns Gedanken über Nationalismus und Patriotismus.

Unser Lieblingszitat aus dem ersten Kapitel: „Die Reise endet an einer Bushaltestelle in Bischofswerda. Um uns herum sieben bis acht Jugendliche mit Smartphones. Sie wirken so, als ob sie sich jeden Tag hier treffen. Die warten nicht auf den Bus, sondern aufs Erwachsensein.“

Woche 3:

Wie erging es Flüchtlingen, die in den 90ern nach Deutschland kamen? Wir starten unsere Flüchtlings-Recherche bei der Refugee Law Clinic im Rheinland.

Naim ist in den 90ern als Flüchtling aus dem Kosovo nach Deutschland gekommen und sprach mit uns in Mayen über seine Erfahrungen.

Außerdem verbrachten wir eine Nacht bei den crazy Fußball-Nonnen und trafen Anna, die mit ihren Kindern in den Kosovo abgeschoben wurde und jahrelang dafür kämpfte, wieder zurück nach Deutschland kommen zu dürfen. Wir fragten uns, wieviel wir Deutsche von unserem Reichtum abgeben können, sollen, müssen.

Unser Lieblingszitat aus dem dritten Kapitel: „Anna hat ihre eigene Definition einer gelungenen Integration: „Ich trinke Wein und ich schmücke immer den Weihnachtsbaum. Ich sage immer: Wein ist für Menschen da, ist mir doch egal, ob Muslim oder nicht.“

Von Anna gibt es kein Video, weil Anna in Wahrheit nicht Anna heißt. Sie wollte anonym bleiben. Ihre ganze Geschichte gibt es aber in Kapitel drei.

Woche 4:

In Berlin schliefen wir auf einem Dach – und verschafften uns ein paar Über- und Einblicke in Sachen Gentrifizierung. Wieso ziehen Leute vom Land in die Stadt und vom Stadt aufs Land? Was macht die Stadt mit der Kunst und die Kunst mit der Stadt? Danach feierten wir in Brandenburg Weihnachten. Mitten im Sommer.

Unser Lieblingszitat aus dem vierten Kapitel: „Stell dir vor, jemand kackt auf einen öffentlichen Platz. Bei jeder Person würdest du sagen: Der ist bekloppt. Aber wenn der Typ aus Berlin kommt, sagen alle: Oh, guck mal, Kunst!“

Woche 5:

Wir überprüften, wie idyllisch es wirklich ist, jeden Tag Geburtstag zu feiern. Und nach dem Motto „Selber machen statt Massenproduktion!“ bauten wir im Park Fiction in St. Pauli ein Handy zusammen.

Danach landeten wir in einer Seemannsmission, bei Menschen, deren Heimat verdammt weit weg von ihrem Arbeitsplatz ist und deren Abende mit ihrer Familie aus gemeinsamen Skype-Gesprächen bestehen.

Unser Lieblingszitat aus dem fünften Kapitel: „Guck dir doch mal die Stadt an! Fabriken sind aus unserem Leben doch komplett verschwunden. Wir wissen gar nicht mehr, wo unsere Geräte herkommen.“

Woche 6:

In der Woche danach wurde ein wenig düsterer. Erst übernachteten wir in einer Höhle, dann besuchten wir Borderline-Patientin Jana in der Psychiatrie:

So ein kleiner Film ist natürlich viel zu kurz, um die ganze Geschichte von Jana zu begreifen, weshalb wir Janas komplette Geschichte und die medizinische Einschätzung der Krankheit Borderline in Kapitel sechs von „Nix wie Heimat“ erklären.

Unser Lieblingszitat aus dem sechsten Kapitel: „Wenn Jana und ihr Mann auf dem Sofa sitzen und er den Arm um sie legen will, fragt er sie vorher, ob das ok für sie ist. Wenn sie ausrastet und zehn Minuten auf einen Sandsack einprügelt, weiß er, dass es nichts mit ihm zu tun hat, sondern mit ihrem alten Leben. Bis er das verstanden hat, hat es gedauert. „Ungefähr 15 Jahre“, sagt Jana, „aber immerhin.“

Woche 7:

In Ulm trafen wir zwei, die noch nicht so richtig wussten, wie es mit ihrem Leben weitergeht:

Dann kam die wohl ähhhm engste Nacht: Wir schliefen mit Kamelen in einem LKW des Circus Henry. Und fanden heraus, wie das so ist: Wenn dein Lebensentwurf schon quasi vorgezeichnet ist, weil du eben Zirkuskind bist und immer bleiben wirst.

Lieblingszitat aus dem achten Kapitel: „Zirkusdirektor Frank, der von sich sagt, dass er ja nicht so ganz genau weiß, wie viele Kinder er hat (offiziell sind es ja neun…) erklärt uns: „Beziehungen zwischen Zirkus- und Privatleuten funktionieren nicht.“ Privatleute sind für ihn alle Nicht-Zirkusmenschen. Die wollen nicht ständig herumreisen. Und die Zirkusleute können nicht an einem Ort bleiben. Also keine Chance auf ein gemeinsames Zuhause. Für einen Zirkusmenschen ist seine Großfamilie sein Zuhause und zwar eines zu dem der Normalbürger nur schwer Zutritt bekommt. „Aber wenn eine von euch was mit meinem Sohn Robin anfangen will, könnt ihr das gern machen. Ihr seid ja auch Rumreisende. Muss ja nicht für länger sein.“

Woche 8:

In Dresden trafen wir Levi, der einen eher seltsamen Beruf hat: Er zündet VHS-Kassettenhüllen an:

Wie Levi zu Levi wurde, erfahrt ihr

Lieblingszitat aus dem achten Kapitel: „Ähhm, das ist sehr unappetitlich, wie hast du das denn gemacht?“ – „Naja, ich bin zu Kaufland gegangen, habe zwei Kilo Schinken gekauft und aus der einen Hälfte die Mappe gebastelt und die andere habe ich eben genommen und dann um den Penis …“

Woche neun:

Die neunte Woche verbrachten wir in einer Demenz-WG:

Nach den Alten waren die Jungen dran: Bei „Jugend hackt“ erfuhren wir, wie sich Deutschlands kluge Kinder die Zukunft vorstellen.

Lieblingszitat aus dem neunten Kapitel: „Warum ist es besser für alte Menschen, in einer WG zu wohnen?“, fragt Steffi. „Weil der Satz, den ich im Pflegeheim am meisten gehört habe, war: Schwester, ich muss aufs Klo“, sagt Corinna. „Und die Standardantwort, die die Pfleger dann geben – geben müssen -, ist: Ich kann jetzt nicht – aber du hast ja ne Windel an.“

Woche zehn:

Wir sollten in eurem Auftrag herausfinden, wie gefährlich dieses angeblich so brutale Bremen Tenever ist:

Danach wurde es etwas heikel: Jemand hat uns aufgetragen, einen Bravo-Nackten aus den 90ern zu finden. Es war nicht einfach …

Lieblingszitat aus dem zehnten Kapitel: „Stimmt es, dass du dich in den 90ern für die Bravo aus- gezogen hast und hast du Lust, darüber mit zwei Reporterinnen zu sprechen?“ Kurze Stille am anderen Ende. Dann ein Lachen: „Woher wisst ihr das denn?“ Markus erklärt uns, dass er ein wenig Sorgen hat, wie sich sein exhibitionistische Vergangenheit auf seinen seriösen Job auswirkt. „Im Saarland kennt halt jeder jeden. Wenn ich mit euch darüber öffentlich spreche, kann ich mir schon vorstellen, wie mich meine zehn Mitarbeiter und meine Kunden angucken werden.“ 

Woche elf:

Wir mussten rappen, aber wir sind leider nicht Jan Böhmermann:

Dann huschten wir noch auf der Wiesn in München vorbei und zogen ein paar Vergleiche zwischen deutschen Städten.

Lieblingszitat aus dem elften Kapitel: „In Köln bedeutet Glück, unter einer Eisenbahnbrücke durchzugehen, ohne von einer Taube angekackt zu werden. In München bedeutet Glück, eine friedliche Party zu feiern, ohne von der Polizei angekackt zu werden.“

Woche zwölf:

Am Ende der Reise waren wir so platt, dass wir keinerlei Energie mehr für eine weitere Videoproduktion hatten. Dafür haben wir uns ausgiebigst mit Stuttgart und mit dem Spaziergangswissenschaftler Prof. Holzapfel aus Kassel auseinandergesetzt und sind in der letzten Nacht noch schnell mit Tierschützern in einen Legehennenbetrieb eingestiegen.

Lieblingszitat aus dem zwölften Kapitel: „Für uns Spaziergangswissenschaftler geht es darum, die Welt mit anderen Augen zu sehen.“ So haben sich Holzapfel und seine Spazierfreunde auch schon mal als Autofahrer verkleidet, indem sie sich selbstgebaute Scheiben vor den Kopf gehalten haben und damit durch die Stadt gelaufen sind.“

Habt ihr noch Rückfragen zu den Recherchen oder zu einzelnen Kapiteln? Dann meldet euch gerne bei uns! Kaufen könnt ihr das Buch beim Buchhändler eures Vertrauens oder im guten alten Internet.