„Haare sind unrein!“ Recherche-Update von unterwegs

herbst_sapporo

Mönche aus Hokkaido, Forscher aus Fukushima und Erdbebenopfer aus Ichinoseki. Seit neun Wochen sind wir schon für euch in Japan unterwegs und haben dank eurer Ideen und Hinweise viele spannende Geschichten gesammelt. Da wir die größtenteils erst aufarbeiten werden, wenn wir wieder zurück in Deutschland sind, wir euch aber trotzdem einigermaßen informiert halten wollen, hier ein kleines Recherche-Update:

In Aizu Wakamatsu, einer kleinen Stadt in der Präfektur Fukushima haben wir Leserin Isabel getroffen, die dort zu künstlicher Intelligenz forscht. Sie sagte zu uns: „Ich mag Fukushima. Ich vergleiche es immer mit Ostdeutschland: Sehr ländlich, relativ günstig, nicht so viele Leute.“ Sie und ihre Kommilitonin Mami haben uns eine andere Seite der Präfektur Fukushima gezeigt als die, die wir aus den Nachrichten kennen, und auch als die, die wir zuvor in den evakuierten Gebieten kennengelernt haben.

Isabel und Mami zeigen uns im Supermarkt Gemüse aus der Präfektur Fukushima

Isabel und Mami zeigen uns im Supermarkt Gemüse aus der Präfektur Fukushima

Die beiden engagieren sich in einem Lebensmittelprojekt, weil Obst und Gemüse aus Fukushima nach dem Reaktorunglück 2011 im Rest des Landes verschmäht werden. Isabel und Mami werden Teil unseres Films über die beiden Seiten der Präfektur Fukushima, den wir nach unserer Rückkehr in Deutschland für euch schneiden werden.

Nach dieser Recherche sind wir weiter gefahren ganz ganz weit in den Norden Japans, nach Hokkaido. Auf dem langen Weg dorthin haben wir im Städchen Ichinoseki gestoppt, wo wir uns mit der Hotel-Chefin Tetsuko getroffen haben, zu der uns Noriko aus Tokio geschickt hat. Tetsukos Hotel wurde bei dem Erdbeben 2011 verwüstet. „Wir Japaner sind ja ziemlich erdbebenerprobt, deshalb sehe ich Erdbeben ziemlich gelassen. Aber an dem Tag dauerte es länger als sonst. Viel länger. Minutenlang. Mir wurde klar, dass irgendetwas anders ist.“ Gläser flogen aus den Schränken, Wände brachen ein, die Hälfte der Zimmer war anschließend kaputt. Tetsuko musste ihr Hotel schließen.

tetsuko

Tetsuko konnte ihr Hotel inzwischen renovieren und wieder eröffnen. Gleich zu Beginn gab sie uns einen wertvollen Tipp: „Ihr könnt euch meinen Namen ganz einfach merken: „Denkt einfach an Tee und Zucker. Tee plus Zucker gleich Teezucko, so heiße ich.“ Fast genauso spannend wie die Geschichte rund um das Erbeben fanden wir Tetsukos Lebensgeschichte: Ihr Vater hatte das Hotel aufgebaut und es war schon immer klar, dass ihr Bruder eines Tages das Hotel in Ichinoseki übernimmt. Die junge Tetsuko dagegen ging nach Wien und studierte Operngesang (deshalb konnten wir uns auch auf deutsch mit ihr unterhalten), um dann in Tokio als Sängerin zu arbeiten. Dann starb plötzlich ihr Bruder und Tetsuko musste zurück ins Heimatkaff ziehen, das Hotel übernehmen, Geschäftsfrau werden: „Dabei war es damals überhaupt nicht üblich, dass Frauen irgendetwas mit Business zu tun hatten!“ Seit der Rückkehr hat sie nie wieder gesungen. Dafür hat sie inzwischen ein zweites Hotel eröffnet und organisiert regelmäßig Konzerte der Wiener Philharmoniker in Japan. „Wolltest du das alles denn?“ – „Das war keine Frage des Wollens. Das war Schicksal.“

Gruppenbild mit Mönch

Gruppenbild mit Mönch

Und dann hat sie uns noch mitgenommen zu einem sehr hohen buddhistischen Mönch. Er hat uns so ne Art Privataudienz gegeben in seinen heiligen Hallen, die natürlich auch eine Teezeremonie beinhaltete und wir durften ihn zu seiner Lebensgeschichte ausfragen.

Unser Tiefpunkt in Japan kam kurz danach: 240 Meter unter der Wasseroberfläche sind wir durch den Seikan-Tunnel auf die nördlichste Insel Japans, Hokkaido, in die Städte Hakodate und Sapporo gefahren. Diejenigen unter euch, die begeisterte Skisprung-Fans sind, kennen Sapporos Schanze vielleicht aus dem Fernsehen. Da ist Sven Hannawald (remember?) früher des Öfteren runtergedüst.

Eigentlich ist Japan nicht so groß und eigentlich kommt man überall sehr schnell hin. Mit Ausnahme von Hokkaido. Sogar in Städte, die knapp 500 Kilometer voneinander entfernt sind (wie zum Beispiel Kyoto und Tokio) reist man dank des Schnellzugs Shinkansens innerhalb von zwei Stunden und 18 Minuten. Zum Vergleich: Shin-Aomori, die nördlichste Haltestelle vor dem Tunnel nach Hokkaido, ist 423 Kilometer von Sapporo entfernt. Die Reisezeit von Shin-Aomori bis Sapporo beträgt jedoch sechs Stunden, also ist man fast vier Stunden länger unterwegs. Grund ist, dass es bislang nur Bummelzüge (sogenannte JR Expresse) auf dieser Verbindung gibt. Das ändert sich 2016, dann kriegt auch die nördlichste Insel Japan eine eigene Shinkansen-Strecke. Die ganze Insel ist vollgepflastert mit Werbeplakaten für diesen Termin – vielleicht wird dann der Norden nicht mehr ganz so abgeschnitten sein vom Rest Japans.

hakodate

Was wir für einen Eindruck von Hokkaido hatten und wie die Geschichte der Insel und des gesamten Landes mit der der indigenen Bevölkerung Ainu zusammenhängt (Leser Maltes Frage) schildern wir euch in einem Extra-Beitrag zu Hokkaido. Wir haben beschlossen, dass wir zu allen besuchten Orten einen Text schreiben werden, in dem ihr Stadt und Bewohner besser kennenlernt.

herbst_hakodate

Irgendwo auf dem Weg in den Norden ist es übrigens plötzlich Herbst geworden in Japan. Angeblich die schönste japanische Jahreszeit (ok, er und Frühling streiten sich immer ein wenig darum, wer cooler ist: rosa Kirschblüten oder rote Ahornblätter). Japaner sind jedenfalls so begeistert vom Herbst, dass es nach dem normalen Wetterbericht auch noch eine Art Herbstbericht gibt, in dem angezeigt wird, wo es gerade die meisten bunten Blätter gibt.

In einem rot-gelb leuchtenden Park in Sapporo haben wir uns also mit Mönch Mogu getroffen, der uns mit in einen Tempel genommen hat. Er ist Zen-Buddhist, was in Japan ein ganz normaler Job ist, den man meistens vom Tempel-Papa vererbt bekommt.

moench hokkaido

Der Trainingsanzug ist natürlich nicht Mogus Berufskleidung. Die Glatze schon. „Haare sind unrein, deshalb müssen sie weg“, hat er uns erklärt. Marion hatte uns gefragt, wie es die Japaner und speziell die jungen Japaner so mit der Religion haben. Mogus Antwort kriegt ihr bald im Video. In Japan ist es übrigens so: Für die Rituale, die mit dem Leben zu tun haben (Schreine rumtragen, Feste feiern – also das, was wir in Tokio schon einmal mitfeiern durften) ist der sogenannte Shinto-Glaube zuständig. Buddhisten wie Mogu kümmern sich dagegen um alles, was mit dem Tod zu tun hat. Er hat uns in die Halle eines buddhistischen Tempels in Sapporo geführt, in dem reihenweise die Urnen der Verstorbenen liegen, die von Mönchen wie Mogu beerdigt wurden. Manche der Urnen-Schränke waren geöffnet, weil die Angehörigen Opfergaben wie Orangen und Bananen hineingelegt hatten.

Unterwegs sichten wir unser gedrehtes Material, bieten deutschen Medien Geschichten an (um ein bisschen Kohle reinzukriegen) und überlegen, wie wir all eure Themen miteinander verbinden können. Die Interviews für unsere Reihe „Ihr fragt, Japaner antworten“ sind fast fertig. Für diese Videoclips stellen wir Japanern all eure Fragen, von „Bist du politisch?“ bis zu „Wie ist das Verhältnis zwischen Jung und Alt“ und „Warum tragt ihr eigentlich so oft einen Mundschutz?“. Das haben wir bisher an sehr vielen verschiedenen Orten gemacht. Es fehlt nur noch eine letzte Recherchestation: Die Insel Okinawa. Und von der aus melden wir uns morgen bei euch!

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