„Die einzigen, die hier ständig fotografieren, sind Europäer!“

Seit 1,5 Wochen sind wir jetzt schon für euch in Japan unterwegs. Bislang nur in Tokio, ab Mitte nächster Woche wollen wir uns dann in das Restland aufmachen. Vorher sammeln wir hier aber noch ein paar Antworten auf eure Fragen ein.

Noriko erklärt uns in Shinjuku ihre Sicht auf die japanische Kultur

Noriko erklärt uns in Shinjuku ihre Sicht auf die japanische Kultur

“Ist das wirklich so, dass die Japaner ihr ganzes Leben nur lernen und arbeiten als Normalbürger?“, „Pennen die Leute wirklich in der Ubahn?“, „Gehen die Väter hier auch in Elternzeit?“. Eure Fragen zu Kultur- und Alltagsthemen haben wir unter anderem Noriko gestellt. Sie arbeitet beim Goethe-Institut und spricht perfekt Deutsch. Detaillierte Antworten folgen noch, aber zu einer Frage von Leserin Ronja hatte sie eine besonders schöne Antwort. „Warum fotografieren Japaner in Deutschland eigentlich immer soviel? Machen sie das in Japan auch?“ – „Die einzigen Leute, die ich hier ständig fotografierend durch die Straßen laufen sehe, sind Europäer.“ Noriko hat uns auch erklärt, warum Urlaub so kostbar ist, Menschen in der Ubahn schlafen, ob Sushi wirklich so beliebt ist und warum es oft witzig klingt, wenn Deutsche japanisch sprechen. Natürlich hat jeder Japaner andere Antworten auf eure Fragen, deshalb werden wir in den nächsten Wochen auch Leute aus anderen Orten ausfragen und haben dann am Schluss hoffentlich ein paar schöne Videos, die euch (und uns) dabei helfen, die japanische Kultur besser zu verstehen.

Klar haben wir mittlerweile auch schon einige persönliche Erfahrungen gesammelt: Wir wussten zum Beispiel nicht, dass man seinen nassen Regenschirm in ein extra in Regenschirm-Größe angefertigtes Plastikkondom steckt, bevor man ein Restaurant betritt. Außerdem passiert es uns immer noch häufig, dass wir uns an einer der zahlreichen Schlangen falsch anstellen oder automatisch auf der rechten Seite des Gehwegs laufen statt auf der linken. Hierzu werden wir bald ein Best-of-Fettnäpchen veröffentlichen, das euch hoffentlich vor Peinlichkeiten bewahrt, falls ihr mal nach Japan reisen solltet.

Lisa_Interview

Wir befragen Teilnehmer der Demonstrationen.

Nun zur Politik: Wir waren auf mehreren Demos und haben unter anderem mit Studenten und anderen jungen Leuten gesprochen, die diese Proteste (mit-)organisieren. Dass in Japan demonstriert wird ist etwas Besonderes. Normalerweise ist Auflehnung hier nicht sonderlich gängig, Harmonie ist wichtig, zumindest nach außen. Aber in den vergangenen Tagen gehen fast täglich Tausende von Menschen auf die Straße (beziehungsweise auf den Bürgersteig, denn die Straßen werden von der Polizei für Demonstranten abgeriegelt und die Menschen protestieren in langen Schlangen auf dem Gehweg). Sie stellen sich gegen das neue Sicherheitsgesetz, das gerade eingeführt wird und Auslandseinsätze des japanischen Militärs ermöglicht. Auch in der Politik ist das Gesetz umstritten. Gestern kam es deshalb sogar zu einer Rangelei zwischen Opposition und Regierung im Oberhaus.

Wir haben die Demonstranten das gefragt, was ihr wissen wolltet: Wie steht Japans Jugend zum Pazifismus? Warum demonstrieren sie gegen das neue Gesetz? Welche Befürchtungen sind damit verbunden? Und: Glauben sie, dass ihre Proteste etwas bringen?

Bei einer Demonstration treffen wir Shoko aus Fukushima.

Bei einer Demonstration treffen wir Shoko aus Fukushima.

Dabei lernten wir Shoko (sie so: „Shoko wie Schokolade!“) kennen. Ihr Vater erlebte den zweiten Weltkrieg, sein Zuhause wurde komplett zerstört. Shoko kommt aus Fukushima, wohnt aber mittlerweile in Tokio. Es war ihre erste Demonstration überhaupt. Sie ging auf die Straße, weil es ihrem Vater wichtig ist, für den Frieden zu demonstrieren, er aber so schwer krank ist, dass er daheim bleiben musste. Auf der Demo meinte sie zu uns: „Ich frag mich, ob wir aus dem Zweiten Weltkrieg überhaupt etwas gelernt haben.“ Mit Shoko treffen wir uns am Wochenende noch mal, dann wird sie uns ihre ganze Geschichte und die ihres Vaters erzählen.

Außerdem haben wir mit Daikichi geredet, einem der Protest-Organisatoren von SEALDs (Abkürzung für „Students Emergency Action for Liberal Democracy“). Daikichi erklärte uns, dass er und die anderen nicht wollen, dass Japan etwas an seiner pazifistischen Ausrichtung ändert. Sie sind gegen das neue Sicherheitsgesetz, weil sie finden, dass es ein falsches Zeichen gegenüber den Nachbarländern setzt. So gesehen begehren die Jungen auf, weil sie die friedliche Tradition Japans nach dem Zweiten Weltkrieg bewahren wollen. Das jung und alt sich in dieser Angelegenheit zu verbünden scheinen, ist uns auch bei den Protesten aufgefallen: Wir haben vor allem ziemlich junge (Anfang 20) und eher ältere (ab Ende 60) Menschen gesehen. Die mittlere Altersklasse war unserem Gefühl nach seltener vertreten.

Daikichi, einer der Organisatoren der Proteste.

Daikichi, einer der Organisatoren der Proteste.

„Wir sind ganz normale Studenten. Hinter uns steht keine Organisation oder Partei oder so“, sagt Daikichi über die SEALDs. Da unser japanisch ausbaufähig ist (*hust) bekamen wir beim Interviewen Hilfe von Übersetzer Takashi:

Steffi stellt Interviewfragen an Daikichi mit Hilfe eines Übersetzers (Japanisch-Englisch).

Steffi stellt Interviewfragen an Daikichi mit Hilfe eines Übersetzers (Japanisch-Englisch).

Natürlich haben wir die Interviews auch mit unserer Kamera gefilmt, sie sollen Teil unserer Japan-Reportage werden. So eine japanische Demonstration ist übrigens sehr gut organisiert. Nix Chaos und Schreierei. Geordnete Singchöre, ein fester Standort ohne großes Herumlaufen, dezent bewaffnete Polizisten und liebevoll bemalte Plakate gehören dazu. Zumindest bei den ersten beiden Protesten, bei denen wir waren, lief alles sehr ruhig ab. Bei der Demonstration am vergangenen Montag, den 14.09. (zu einem Zeitpunkt, an dem das Gesetz gerade heftig von Politikern diskutiert wurde), waren dann aber mehr Menschen vor Ort, die sich schließlich an der Polizei vorbei gedrängt haben und vom Gehsteig auf die Straße marschierten.

Wir wollen aber auch die Perspektive der Regierung verstehen. Was sind die Hintergründe für das neue Gesetz, warum hält die Regierung es überhaupt für notwendig? Wie ist das Verhältnis von Japan zu China und (Süd-)Korea? Deshalb haben wir uns mit einem japanischen Journalisten einer großen Zeitung und mit einem Politikberater getroffen und mit ihnen Hintergrundgespräche geführt. Auch diese Sichtweisen werden wir euch bald wiedergeben. Von beiden können wir euch aber kein Foto zeigen: Sie haben sich unter der Bedingung mit uns getroffen, dass sie anonym bleiben.

Nächste Woche ist übrigens „Silver Week“ in Japan, das heißt Montag bis Mittwoch sind Feiertage (u.a. der „Tag der Alten“). Die Regierung befürchtet wegen der freien Tage weitere und größere Proteste und will das Sicherheitsgesetz noch vor dem Wochenende verabschieden.

Wir merken schon jetzt, wie sich unser Blick auf die Welt ein wenig ändert, alleine dadurch, dass wir jetzt von Asien nach Europa gucken und nicht mehr umgekehrt. Gerade auf die Internationalen Beziehungen kriegt man von Japan aus einen ganz anderen Blick. Vieles, was hier gerade passiert, kann man aber nur (zumindest in Ansätzen) begreifen, wenn man sich mit der Geschichte Japans beschäftigt, weswegen wir uns auch damit gerade sehr viel auseinandersetzen.

Was wir in den vergangenen Tagen herausgefunden haben, werden wir in den nächsten Wochen für euch aufbereiten. Wenn es dabei Aspekte gibt, die euch besonders interessieren, dann sagt uns Bescheid. Bis Mitte nächster Woche bleiben wir noch in Tokio. Danach erkunden wir den Rest von Japan. Auf dem Plan stehen Hokkaido, Okinawa, Hiroshima, Osaka und für weitere Ortsideen von euch sind wir natürlich dankbar. 

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. „Die einzigen Leute, die ich hier ständig fotografierend durch die Straßen laufen sehe, sind Europäer.“

    Genau. Australier, Amerikaner,Russen etc. forografieren nämlich nicht. Aber im Ernst, wahrscheinlich fällt es Noriko einfach nicht mehr auf, dass Japaner ständig forografieren. Nur eben keine Strassenszenen oder – mit Ausnahmen – lokalen Sehenswürdigkeiten. Dagegen wird beispielsweise akribisch fast alles abgelichtet, was mit Nahrungsmitteln zu tun hat, egal ob selbst zubereitet oder beim Essengehen, übrigens je exotischer (d.h. europäischer), desto besser. Überraschend beliebt sind Naturaufnahmen (etwa Nahaufnahmen von Blüten) und eigentlich unvermeidlich Selfies mit Personen, mit denen man sich privat oder auch geschäftlich trifft.

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