Der dunkelste Moment des Lebens: Über Nacht in der Höhle

Wir sind erkältet. Zu verdanken haben wir unsere schniefenden Nasen einer Nacht in einer bitterkalten Höhle. Wie jede Woche haben wir in eurem Auftrag an einem ungewöhnlichen Ort übernachtet. Den siebten Teil unserer Schickt uns schlafen-Kolumne „Über Nacht“ haben wir in der Fränkischen Schweiz mit Spinnen und Tropfsteinen verbracht. Und dabei erfahren, ob Armin aus der „Sendung mit der Maus“ wirklich so nett ist, wie wir immer dachten.

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„Um noch mal auf die Legalität dieses Unterfangens zurückzukommen…“, sagt Johannes, als wir eigentlich schon mittendrin sind im Unterfangen. Vor einer Viertelstunde hat er uns zwei Wanderrucksäcke auf den Rücken geschnallt. Es dämmert, und wir stapfen auf einem Feldweg in den Wald. Wir sind auf dem Weg zu unserer heutigen Schlafstätte: einer Höhle.

Johannes hat uns den Vorschlag selbst gemacht. Er ist mit Steffi zur Schule gegangen und hat früher regelmäßig in Höhlen übernachtet. Das sei so halblegal, meint er jetzt. „Biwakieren ist in Deutschland erlaubt.“ Biwakieren, das ist laut der Definition des Deutschen Alpenvereins „Übernachten ohne Zelt unter freiem Himmel oder in einem Iglu“. Ob Höhlenschlafen darunter fällt ist nicht endgültig geklärt. Johannes hat als Jugendlicher oft mit Freunden auf Trekkingtouren in einer der etwa 1000 Höhlen in der Fränkischen Schweiz übernachtet. Mittlerweile ist er 26, hat den Bauernhof seines Vaters übernommen und ist Papa einer kleinen Tochter. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für Höhlenabenteuer. Heute Morgen ist er um vier Uhr aufgestanden, um Schweine zu verkaufen.

Johannes

Johannes hat sich total gefreut, mal wieder in der Höhle zu übernachten

Wir hören die Tropfen von der Decke herunterfallen, als wir unsere Schlafstätte erreichen. Der Eingang ist nur ein kleines Loch in der Felswand, alleine hätten wir ihn wohl übersehen. Aber wir sehen sowieso nicht viel, weil es schon so dunkel ist. Nur die Sterne, denn die Höhle ist zum Wald hin geöffnet, wie ein Balkon. Wir finden aber den Teil weiter hinten viel spannender. Da, wo es dunkel und eng wird.

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Johannes setzt uns zwei Stirnlampen auf: „Ich habe leider nur zwei Helme. Ihr müsst alleine durch die Höhle kriechen. Ich bleibe hier vorne. Da rechts ist ein kleiner Gang, da passt ihr auf jeden Fall durch.“ Der Untergrund ist glitschig; wir haben Mühe, nicht auszurutschen, als wir die steilen Steinhügel hochklettern. Wenn wir nach oben leuchten, funkelt es uns silbrig-weiß entgegen. Eine Spinne, die gemeinsam mit ihrem Schatten an der Decke entlang klettert, macht daraus eine Miniatur-Märchenwelt.

Steffi_kriecht

Wir entdecken die schmale Öffnung, die Johannes meinte. Da sollen wir reinpassen? Steffi kriecht mit dem Oberkörper zuerst in die Ritze, rein in die Dunkelheit. Was, wenn sie nicht mehr rauskommt? „Ist da drin schon mal jemand gestorben?“, ruft Lisa Johannes zu. Nicht, dass er wüsste. Letztens sei hier in der Nähe aber jemand in einer Höhle stecken geblieben. Der Rettungsdienst war erst mal hilflos. Aber vier Tage Minimalversorgung mit Wasser und Brot und der Typ wurde so dünn, dass sie ihn herausziehen konnten.

Lisa_kriecht

Auf so eine Diät haben wir überhaupt keinen Bock. Außerdem haben wir noch die Geschichte von der Riesending-Höhle im Kopf, aus der im Juni ein Forscher mit Riesentamtam befreit werden mussten. Deshalb kriechen wir zwar beide nacheinander in den Mini-Gang, aber nur so weit, wie wir es mit unseren Körpermaßen vereinbaren können. Wir schieben unsere Körper über spitze Steine. Es fühlt sich beklemmend an, da drin zu stecken. Um uns herum ist nur Gestein. Dann robben wir rückwärts zurück. Und direkt in den nächsten Tunnel. Der ist breiter, hier können wir uns sogar nebeneinander setzen. Uns fällt ein, dass Johannes uns empfohlen hat, im Inneren der Höhle die Lampen für ein paar Minuten auszuschalten. „Dann seht ihr die totale Finsternis.“ Er hat Recht. Der schwärzeste und stillste Moment unseres Lebens. Ein großes Nichts.

Als wir zurückkommen, hat Johannes ein paar Kerzen angezündet und eine fränkische Vesper – Brot, Wurst und Bier – für uns vorbereitet. Vorne in der Höhle steht eine Bank, sehr praktisch. In 15 verschiedenen Höhlen hat er schon geschlafen, erzählt er uns. Am liebsten kriecht er durch 30 Meter lange Höhlengänge, ohne zu wissen, wo er landen wird. Oder findet Öffnungen zu Hohlräumen, in denen seit Tausenden Jahren glitzernde Tropfsteine unberührt wachsen können. Schon mit acht Jahren war er Höhlenfan. Damals hat er in einer saarländischen Höhle, nahe dem Zuhause seiner Großeltern, Führungen gegeben. Als er uns davon erzählt, rutscht er direkt in den Höhlenguide-Stil: „Die meisten Höhlen in Deutschland sind Sekundärhöhlen. Sie entstehen, wenn Grundwasser Gesteinsschichten über lange Zeit aushöhlt.“ Einmal führte Johannes Armin von der „Sendung mit der Maus“ durch die Höhle. „Armin hat mir hinterher sogar einen Dankesbrief mit Foto geschickt, weil er meine Führung so cool fand.“ Wir freuen uns, wir mochten Armin immer.

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Sieht aus wie ein satanistisches Ritual, ist aber ein fränkischer Vesper.

 

Dann breiten wir unsere Schlafsäcke auf dem Höhlenboden aus. Über uns an der Decke krabbeln Spinnen, und es tropft. Gemütlich fühlt es sich trotzdem an, im Höhlenbett. Nur eben viel zu kalt. Irgendwas quietscht. Fledermäuse? Die gibts hier eigentlich nur im Herbst, sagt Johannes. Von Oktober bis April soll man übrigens besser nicht in Höhlen gehen, meint er dann. Zumindest nicht, wenn man ein Mensch ist, denn dann stört man den Winterschlaf der Tiere.

Wir bauen die Tropfen in unsere Träume ein. Plötzlich steht Johannes mit zwei bunten Plastikbechern vor uns. „Sorry, aber wir müssen jetzt frühstücken. Ich bin heute noch zu einer Taufe eingeladen.“ Es ist acht Uhr morgens. Den Kaffee hat Johannes mit einem mitgebrachten Gaskocher gekocht. „Für den hab ich gestern noch schnell eine Platte geschweißt, die fehlte nämlich.“

Helm

Was in der Höhle natürlich nicht fehlen darf: Helm.

 

Wir sammeln unseren Müll ein. Dabei entdeckt Johannes ein paar Schnapsflaschen. Die haben wohl die Leute dagelassen, die als letzte hier gewesen sind. „Sauerei!“ sagt Johannes. „So entstehen Waldbrände. Die Sonne scheint auf Glasscherben, die brennen durch, der Wald brennt.“ Das habe er in Australien gelernt. Johannes war schon gefühlt überall auf der Welt. Früher war er eine Art Vagabund. Pakistan, Nepal, Marokko. Dann brauchte sein Vater einen Nachfolger für den Bauernhof. Und Johannes wurde häuslich. „Aber in der Höhle sollte ich trotzdem wieder öfter übernachten. Sobald meine Tochter alt genug ist, um mitzukommen.“

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