Über Nacht im Berliner Himmel: „Wie böse ist Gentrifizierung?“

Wir haben im Berliner Himmel geträumt. Jede Woche übernachten wir in eurem Auftrag an einem ungewöhnlichen Ort. Für den vierten Teil unserer “Schickt uns schlafen”-Kolumne haben wir auf dem Dach des „Lehrter Siebzehn“ in Berlin gepennt. Und damit an einem Ort, den es so bald nicht mehr geben wird.

Im Gentrifizierungs-Himmel

Im Gentrifizierungs-Himmel. Foto: Hendrik Haase.


Kulturmanagerin Stefanie Greimel ruckelt mit einem Stab an der Dachluke herum, bis die Klappleiter herunterfährt. Sie gibt uns Schaumstoffmatten und Decken und wir kraxeln die schmale Leiter hoch. Es ist vier Uhr nachts. Dann stehen wir hier hoch oben, auf dem Dach des „Lehrter Siebzehn“ und sehen Berlin, wie wir es noch nie zuvor gesehen haben.

Leserin Eva hat uns per Facebook-Nachricht dazu aufgefordert, dass wir hier schlafen: „Das Lehrter ist ein gutes Beispiel für Gentrifzierung. Nach einem Jahr Kultur- und Kunst-Betrieb werden hier Lofts, Penthouses und Townhouses draus.“ Gentrifizierung, das klingt immer so böse. Aber was bedeutet es konkret und ist es zwangsläufig etwas Schlechtes? Das Lehrter ist ein ehemaliger Güterbahnhof, nicht weit weg vom Berliner Hauptbahnhof. Im Moment wird es als Veranstaltungsort für Kunstinstallationen und kreative Experimente genutzt. Aber nur noch so lange bis hier Menschen einziehen, die sich Lofts mit Blick über halb Berlin leisten können.

Wir kommen am frühen Abend an und werden von Stefanie Greimel und Johanna Wallenborn begrüßt, den jungen Frauen, die den Laden hier schmeißen. An ihrer Bürotür hängt ein Plakat: „They said chaos, i say form“. Ihre Nachbarn sind zwei Künstler, eine Yoga-Bloggerin und der indonesische Botschafter. Einziger Mitarbeiter von Stefanie und Johanna: Ludwig Münch-Wallenborn, genannt Louis, ein Haushund mit eigener Facebook-Seite. „Seine Kompetenzen liegen darin, sich auf Ledertaschen zu legen und alles zu ignorieren, was man ihm sagt“ erklärt uns Johanna.

Ludwig Münch-Wallenborn. Haushund.

Ludwig Münch-Wallenborn. Haushund.

Die Lehrter-Veranstaltungen steigen in einer großen Halle im dritten Stock des Hauses mit Industrie-Flair und Zehn-Meter-Bar. Hier kriegen unbekannte Designer, mittellose Journalisten und Digital-Künstler eine Plattform, auf der sie sich und ihre Werke vor hunderten von Menschen präsentieren können. An diesem Abend sind viel mehr Gäste da als erwartet. Nebenan steigen eine Kirmes und eine laute Party, die die Akustik versauen, und der Moscow Mule ist schnell ausverkauft. „Die erfolgreichsten Nächte sind meist die anstrengendsten“, sagt Johanna. Gegen drei Uhr müssen alle Gäste (Großteil jung, attraktiv, Jutebeutel) gehen, außer uns.

Die Party-People vom Lehrter 17

Die Party-People vom Lehrter Siebzehn

Im Vorderhaus leben Menschen, die sich beschweren, wenn es nachts zu laut ist. Die Leute wollen nicht gehen, sie mögen die Nacht im Lehrter. Bald wird hier nur noch gewohnt, dann muss es die ganze Nacht still sein.

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Und dann stehen wir mit Stefanie auf dem Dach. Unter uns leuchtet die Stadt. Von hier oben hat man einen guten Überblick über die Gentrifizierung, sagt sie. Geradeaus sehen wir den grell blinkenden Hauptbahnhof, auf der linken Seite gibts eine riesige freistehende Fläche, auf der im Moment die Kirmes residiert, die vorhin soviel Krach gemacht hat. Stefanie ist nachdenklich: „Es ist ja nicht so wie in Kreuzberg, dass sich hier Alteingesessene ihre Wohnung nicht mehr leisten können.“ Hier war früher ein Güterbahnhof, danach jahrelang tote Hose. Wäre hier das nicht das Lehrter, es würde sich wohl gar niemand hierher verirren. „In der Gentrifizierung stecken ja auch sehr viele Möglichkeiten, weil Freiräume entstehen, die in der Zwischenzeit positiv genutzt werden können.“

Stefanie Greimel und Johanna Wallenborn

Johanna Wallenborn und Stefanie Greimel (Foto: Trevor Good)

Alles am momentanen Lehrter ist Low Budget und existiert nur, weil die Besitzer des Gebäudes sich überlegt haben, dass hier ja mal ein wenig Kultur einziehen könnte, bevor die Gegend sich in eine Reichensiedlung verwandelt. Johanna und Stefanie finanzieren ihre geliebten Indie-Veranstaltungen quer, indem sie hier gelegentlich Firmenfeiern und Fashionweek-Events beherbergen. Aber wenn die Miete für die 700 Quadratmeter des Lehrter nicht so günstig wäre, ginge hier gar nichts. Man könnte also sagen, die Investoren, die hier bald Lofts reinbauen, unterstützen indirekt die Berliner Kulturszene. Aber natürlich profitieren sie selbst am meisten davon. Weil sich andere darum kümmern, dass das Haus nicht verfällt. So lange, bis drüben auf der freien Fläche, wo jetzt die Kirmes ist, die sogenannte Europacity hochgezogen wird. Hier soll „die kreative Elite Berlins“ einziehen, erklärt uns Stefanie, die sehr skeptisch ist, ob das wirklich funktioniert. „Boheme-Flair kann man doch nicht aus dem Boden stampfen.“

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Sie deutet auf eine drei Meter hohe Holzskulptur: „Da hinten könnt ihr dann schlafen.“ Die Skulptur ist mit Paletten unterlegt, einer ihrer Künstler-Nachbarn hat sie gebaut. Unser Schlafdeck! Ein paar Stunden später wecken uns Regentropfen. Auf unseren im Büro abgestellten Rucksäcken finden wir Hundehaare. Beim Sachen einpacken stolpern wir über ein Schild, auf dem eine Zukunftsversion des Lehrter abgebildet ist. „Living in a Loft“ steht darauf und ein paar hinein gezauberte Schwalben gleiten an einem frisch renovierten Lofttempel vorbei. Stefanie, Johanna und Louis müssen sich jetzt was Neues suchen für ihre Kunst. „Das Lehrter ist unser Baby, schade, dass es bald vorbei ist“ , sagt Stefanie. „Wir sollten auch noch mal auf dem Dach schlafen“

Dieser Text ist Teil einer wöchentlichen Kolumne, die nicht nur auf unserem Blog, sondern in gekürzter Fassung auch hier auf jetzt.de von der Süddeutschen Zeitung erscheint.

PS. Lieben Dank an Hendrik Haase, der uns netterweise auf dem Dach fotografiert hat.

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