Das Land mit dem „Dilma-Faktor“ – wie Brasiliens Frauen nach oben klettern wollen

Dilma Rousseff steht an der Spitze Brasilien und strahlt jede Menge Vorbildcharakter aus. Tatsächlich beginnen immer mehr Brasilianerinnen, zu studieren, aufzusteigen oder gleich selbst Unternehmen zu gründen. Aber längst nicht alle Frauen bekommen überhaupt erst die Chance dazu – und selbst die Elite hat ein Problem.

Laura hat OGangorra gegründet: Bei ihr gibt's Fahrräder und Büroräume

Brasilien: Das sind Sonne, Strand, Traumkörper und Caipirinha. Oder? Die Menschen in der 12-Millionen-Metropole São Paulo würden etwas ganz anderes sagen: Arbeit. Auf ihre Arbeitsmoral, auf ihre faszinierende Start-Up-Szene und auf den boomenden Kunsthandel sind die Paulistas stolz. Doch nicht alle haben die gleichen Chancen auf einen guten Job – das spüren vor allem die Frauen.

In São Paulo lernen wir die 24-jährige Luciana und die 26-jährige Laura kennen. Beide sind Karrierefrauen, arbeiten aber komplett unterschiedlich. Luciana studiert Jura und arbeitet schon jetzt in Vollzeit bei einer der größten Kanzleien des Landes. Vor 21 Uhr findet sie keine Zeit für ihre Freunde. Laura dagegen gehört zu den jungen Brasilianerinnen, die ihr Arbeitsleben selbst gestalten. Die Firmengründerin ist von ihrer Start-Up-Idee überzeugt und traut sich etwas.

Für beide Frauen scheint die größte Stadt Brasiliens der richtige Platz zu sein. Denn São Paulo bietet sich zum Arbeiten an. Es gibt keinen Strand, das Wetter ist schlechter als zum Beispiel in Rio de Janeiro und alles klappt irgendwie schneller als in der Stadt mit dem Zuckerhut. Es sei denn, man sitzt im Auto. In São Paulo kriecht der Verkehr noch zähflüssiger als im restlichen Brasilien.

Genau davon profitiert Laura: Ihre Firma setzt auf Verkehrsalternativen. Wir treffen Laura im Stadtteil Vila Madalena, zwischen improvisierten Blumentöpfen mit vielen Pflanzen in einem bunten, ein bisschen chaotischen Café – Lauras Arbeitsplatz. Hier hat sie gemeinsam mit drei Freunden das Start-Up „O Gangorra“ gegründet. Ganz unten in der Garage ist eine Werkstatt, im ersten Stock sind Café und ein Fahrradladen und im zweiten Stock Büroräume, in denen die Kreativen und Flexiblen São Paulos ihre Laptops aufklappen. Denn die Firma bietet Co-Working-Arbeitsplätze für junge Leute und Projektmanagement für Fahrradfahr-Events.

Laura hatte die richtige Idee zur richtigen Zeit: Die Fahrrad-Branche in São Paulo boomt. Gerade die Mittelschicht ist genervt von den übervollen Straßen und dem schlechten öffentlichen Nahverkehrssystem. Laura und ihre Kollegen nutzen diese Stimmung, um daran Geld zu verdienen. „Fahrradfahren ist mittlerweile cool“, sagt Laura. Sie hat sich schon in die Branche eingearbeitet, als den meisten Brasilianern nicht im Traum eingefallen wäre, sich in der Großstadt aufs Rad zu schwingen.

Fahrrad Sao Paulo

Drei der vier Gründer von Lauras Unternehmen sind Frauen, betont sie. „In meinem Freundeskreis ist es total egal, ob man eine Frau oder ein Mann ist. Hier hat jeder dieselben Chancen.“ Dieses Denken wollten die Freundinnen auf ihre Arbeit übertragen. Also kündigten sie ihre alten Jobs und machten sich selbständig. Damit entsprechen sie einem allgemeinen Trend in Brasilien: Die Anzahl der Gründerinnen ist einer Studie zufolge zwischen 2001 und 2011 um 21 Prozent gestiegen.

Aufstieg – ja, gleiches Gehalt – nein

Dass mehr junge Brasilianerinnen ihr eigenes Ding machen wollen, liegt vielleicht auch daran, dass zwischen den Gehältern von Männern und Frauen immer noch eine große Lücke klafft: 30 Prozent weniger verdienen die weiblichen Arbeitskräfte im Schnitt. Im Global Gender Pay Gap Ranking, das das World Economic Forum jedes Jahr veröffentlicht, hat Brasilien zwar aufgeholt, landet aber für das Jahr 2012 immer noch nur auf einem der mittleren Plätze von insgesamt 135 teilnehmenden Ländern.

Den Traum von der jungen steilen Karriere können sich aber zumindest die gut ausgebildeten Brasilianerinnen mittlerweile erfüllen. Juristin Luciana stellt an ihrem Arbeitsplatz in der internationalen Kanzlei keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern fest: „Ich habe das Gefühl, ich kann hier voll durchstarten. Männer und Frauen sind zumindest bei den Juristen gleichauf.“ Die 24-jährige beendet erst demnächst ihr Jura-Studium, arbeitet aber schon seit einer Weile in Vollzeit und macht flott Karriere. In ihrer Arbeitsgruppe hat sie bereits Angestellte unter sich – und das in ihrem zweiten Jahr in dieser Kanzlei.

Der Dilma-Faktor: eine Präsidentin als Vorbild

Ambitionierte junge Frauen finden in Brasilien gute Vorbilder. An der Spitze des Landes steht eine Frau, und auch wenn Präsidentin Dilma Rousseff gerade aufgrund der landesweiten Proteste gegen die Korruption in der brasilianischen Politik in der Kritik steht: Sie spornt andere an, es ihr gleich zu tun. „Dilma-Faktor“ nennt das US-amerikanische Forbes-Magazin den positiven, weiblichen Einfluss auf die Arbeitswelt seit dem Jahr 2010, als Rousseff zur Präsidentin gewählt wurde.

Wie zum Beweis veröffentlichte das Magazin kürzlich eine Liste der beeindruckendsten brasilianischen Business-Frauen. Maria das Graças Silva Foster etwa machte mit 24 Jahren ein Praktikum beim Öl-Riesen Petrobras. Mit 59 leitet sie den mächtigsten lateinamerikanischen Ölkonzern – und wird 2012 zur ersten weiblichen Vorsitzenden eines Erdölunternehmens überhaupt. Auf der Liste finden sich auch Claudia Sender, seit kurzem CEO der größten brasilianischen Fluglinie TAM, und Chieko Aoki, Gründerin der Tree Towers Hotels.

Doch trotz dieser Beispiele sind Frauen in Politik und Wirtschaft immer noch die Ausnahme. Unter den Entscheidungsträgern in der Politik findet man nur neun Prozent Frauen, auch die große Mehrheit der CEO sind immer noch Männer. Das hat auch mit der Bildung zu tun: Mittlerweile studieren in Brasilien zwar mehr Frauen als Männer. Das war früher aber umgekehrt.

Karriere nur für Reiche?

Laura und Luciana bringen eine sehr gute Ausbildung mit, inklusive Auslandserfahrung. Laura hat einen Schüleraustausch in den USA gemacht und Luciana in der Schweiz studiert. Andere können sich noch nicht einmal einen Inlandsflug in die nächste große Stadt leisten. Für solche Auslandsaufenthalte gibt es zwar Stipendien. Die kommen allerdings meistens den reichen, weißen Brasilianerinnen zu Gute. Weil sich in Brasilien eine große Einkommenslücke zwischen Arm und auftut, hängt der Zugang zu Bildung und Karrierechancen stark von der Herkunft ab.

In den Favelas, den ärmsten Vierteln der Städte, gibt es manchmal gar keine richtigen Schulen. Oder die Kinder verlassen die Schule, ohne wirklich lesen gelernt zu haben. Mädchen treffen diese Bedingungen besonders hart: In den Favelas haben viele der 14- oder 15-Jährigen schon ein Kind, sie brechen die Schule ab, wenn sie schwanger werden. So wie Maria, die wir in der Favela Cantagalo in Rio de Janeiro kennengelernt haben. Sie ist 17 Jahre alt und hat zwei Söhne. Trotzdem träumt sie davon, wieder zur Schule zu gehen. Ihre hauptsächliche Motivation ist dabei allerdings, dass sie dann eine Krankenversicherung für ihre Kinder bezahlen könnte.

Familie? Frauensache!

Mit solchen Sorgen mussten sich Laura und Luciana nie auseinandersetzen. Trotzdem erzählt uns Luciana, dass sie sich darauf einstellt, hauptverantwortlich zu sein, sobald sie Kinder bekommt. Denn Familienarbeit ist in Brasilien immer noch Frauensache. Wenn die Eltern es sich leisten können, behütet eine Nanny das Kind, ansonsten muss die Mutter das übernehmen. Im Zweifel kümmert sich die Frau um den Haushalt, und der Mann geht arbeiten. Männer gelten in Brasilien nach wie vor als Hauptverdiener. Wenn eine Frau die Familie ernährt, gibt es in der Hälfte dieser Fälle gar keinen Mann, die Frauen ziehen ihre Kinder alleine groß.

Wenig geändert hat sich in den letzten Jahren die Verteilung der Frauen auf die unterschiedlichen Branchen. Immer noch suchen sich viele Frauen traditionell weibliche Berufe aus und werden Lehrerin, Frisörin oder arbeiten im Gesundheitswesen. Nur langsam drängen sie in männliche Domänen wie die Baubranche vor. In der jährlichen Untersuchung zur Situation der Frauen auf dem Arbeitsmarkt des brasilianischen Institut für Statistik fällt besonders auf: 14,5 Prozent der arbeitenden Frauen sind als Haushälterinnen beschäftigt. Dieser Beruf bringt nur einen geringen Lohn und bedeutet oftmals mehrere Stunden Busfahrt, um zum Arbeitsplatz zu gelangen.

Luciana will auch weit weg. Für ihre Kanzlei, die auch Kunden in Europa hat, möchte sie am liebsten in der Schweiz arbeiten. „Da verdiene ich dann auch viel besser“, sagt sie. Laura hat sich ihren eigenen Arbeitsplatz geschaffen, weil sie unabhängig sein will. Sie hat ihren vorherigen Job auch deshalb gekündigt, weil sie Idealistin ist. Sie will mit ihrer Arbeit etwas verändern und die Paulistas auf die Räder locken. Das große Geld zu machen ist ihr weniger wichtig, als sich selbst und ihre Träume zu verwirklichen.

Beide sind stolz auf das, was sie schon erreicht haben – und wollen immer weiter. Aber sie wissen auch: Viele Brasilianerinnen würden diese Chancen wohl nie bekommen.

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