Busfahren in Rio: Proteste gegen den Stillstand

Der Confed-Cup ist vorbei, doch die Demonstrationen in Brasilien gehen weiter: Heute ist Generalstreik, ausgerufen von den Gewerkschaften. Doch wieso überhaupt? Ihr wolltet mehr Hintergründe zu den Protesten und habt uns gefragt, worüber sich die Menschen hier genau aufregen. Deshalb stellen wir euch ab heute vor, wogegen die Leute protestieren. Wir beginnen mit dem Verkehrssystem. 

Eine Frau steht auf meinem Fuß, sie kann nicht vor, nicht zurück. Genauso wenig wie der Bus, in dem sie sich befindet. Ihre Stirn tropft. Wir stehen in einem überfüllten Bus, einem „Ônibus“, wie es hier in Rio heißt. Wir sind froh, dass die 401 Richtung Rio Comprido überhaupt gekommen ist. Für uns ist es ärgerlich, dass Rios Verkehrssystem so schlecht ist. Doch für die Menschen, die hier leben, ist es eine Katastrophe. Denn vor allem arme Leute werden durch das mangelhafte Transportwesen vom Stadtkern ausgegrenzt. Einige von ihnen müssen lange und gefährliche Fahrten auf sich nehmen, um zur Arbeit und wieder nach Hause zu kommen. Nicht nur deshalb waren die Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr einer der wichtigsten Auslöser für die Proteste.

Auf Facebook kursiert eine lustige Instagram-Grafik (siehe oben), die gar nicht mal so lustig ist, wenn man über sie nachdenkt. Während sich durch die anderen Großstädte viele verzweigte Linien schlängeln, besteht Rios U-Bahn-Netz aus zwei kümmerlichen Strichen. Und die verlaufen auch noch nahezu parallel. Die Metro fährt ein paar Stationen im Zentrum an, unter anderem das umstrittene Maracanâ-Stadion. In der übrigen Stadt stehen für die 6,3 Millionen Einwohner Rios nur Busse zur Verfügung. Seit Jahren soll das Netz erweitert werden, seit Jahren zahlen die Menschen hohe Steuern für den Ausbau, seit Jahren passiert wenig. Wird die WM daran etwas ändern?

Unter der jetzigen Situation leiden insbesondere die Menschen, die es sich nicht leisten können, im Stadtkern zu leben. Sie sind teilweise Stunden unterwegs, wenn sie zu ihrer Arbeit fahren, auch wenn der Arbeitsplatz nur ein paar Kilometer entfernt ist. Denn die Busse sind unzuverlässig und die Straßen in diesen Gegenden schlecht, so erzählen es uns die Leute. Und gerade morgens und abends, in den Stoßzeiten, ist das, was auf den Straßen praktiziert wird, mehr ein Busstehen als ein Busfahren. So wie jetzt, wenn unsere acht-Kilometer-Fahrt nach Rio Comprido plötzlich mehr als eine Stunde dauert. Hinzu kommen die Preise: 2,75 Real kostet diese einfache Busfahrt, etwas weniger als einen Euro. Für uns nicht viel, für den Durchschnittsbrasilianer mit einem Einkommen von etwa 800 Euro schon. Monatstickets gibt es nicht. Und die Menschen in den armen Regionen haben noch weitaus weniger Geld zur Verfügung.

Auf den Demonstrationen, die wir besucht haben, hielten Menschen Plakate hoch, mit denen sie für ein besseres Schienennetz protestierten. Sie empfinden das Verkehrsnetz als Diskriminierung armer Menschen. Ihrer Meinung nach werden die Leute aus den Favelas absichtlich aus dem Zentrum und aus den reicheren Stadtteilen im Süden ferngehalten. Auch damit sie den Touristenbetrieb nicht stören.

Doch auch an anderen Touristenhotspots gab es katastrophale Vorfälle im Straßenverkehr. Brasilianische Busse hatten Anfang April einen traurigen Auftritt in der internationalen Presse: Damals wurde eine junge US-Amerikanerin in einem fahrenden Kleinbus an der Copacabana entführt und vergewaltigt. In solchen Kleinbussen, die teilweise ohne, teilweise mit Zulassung unterwegs sind, hatten auch zuvor schon Männergruppen junge Brasilianerinnen missbraucht. In Deutschland und anderen Ländern kriegt man das erst dann mit, wenn Touristen etwas zustößt. Und auch Polizei und Regierung reagierten erst, als eine Ausländerin betroffen war. Darauf hat uns unser Journalistenkollege und Freund Hakan schon vor unserem Abflug hingewiesen. Die Kleinbusse wurden aufgrund der bekannt gewordenen Vergewaltigung der US-Amerikanerin mittlerweile in der Südzone Rios verboten. Eine Lösung ist das nicht. Denn dadurch fühlen sich Touristen zwar sicherer, doch die Menschen, die beispielsweise im Süden in der Favela Rocinha leben, sind  jetzt noch schlechter an den Rest der Stadt angeschlossen, weil sie auf solche Kleinbusse angewiesen sind.

Ein ähnlicher Fall: Die „Bonde“, eine gelbe historische Tram, die durch den Stadtteil Santa Teresa fuhr, war lange eine Touristenattraktion. Bis fünf Menschen in dieser Tram starben. Kaputte Bremsen und ein brüchiges Schienennetz hatten dazu geführt, dass ein überfüllter Wagen aus den Schienen gesprungen und gegen einen Mast geprallt war. Das war im August 2011, seitdem ist die älteste elektrische Straßenbahn Lateinamerikas außer Betrieb. Die Bewohner von Santa Teresa ärgert das, sie warten jetzt schon seit sieben Jahren darauf, dass das Tramnetz restauriert wird. „Reforma total do sistema de Bondes“ fordern sie deshalb auf ihren Demo-Plakaten.

Es ist nicht einfach, sich im Verkehrssystem zurechtzufinden. Oft ist nicht angeschrieben, welche Linie an der jeweiligen Haltestelle abfährt und es gibt unzählige Liniennummern. Sebastian, ein Freund von uns, scherzte neulich, dass hier jeden Tag einen neue Buslinie erfunden werde. Auch Menschen, die seit Jahren in Rio wohnen, überfordert das manchmal.

Der stockende Verkehr, für den Aktivisten Kenzo, ist er mehr als ein Symptom schlechter städtischer Organisation. „Wenn wir weniger Zeit im Straßenverkehr verbringen würden, hätten wir mehr Zeit zum Diskutieren und mehr Zeit, uns an der Politik zu beteiligen,“ sagte er auf einer Diskussionsveranstaltung, die wir am Dienstag im Kulturzentrum „Sérgio Porto“ besucht haben.

Wer kein eigenes Auto hat, für den ist das Taxi die einzige Alternative zum Bus. Das können sich aber nur reiche Brasilianer und Ausländer leisten. Eduardo, ein Lehrer, hat uns erzählt, dass einige seiner Kollegen die fünf Kilometer zur Arbeit häufig zu Fuß gehen, weil sie mit dem Bus eine Stunde länger unterwegs wären. Fahrradfahren ist quasi unmöglich: Es gibt abseits des Strandes keine Fahrradwege und die normalen, meist vierspurigen Straßen sind zu gefährlich, um sie als Radfahrer zu benutzen.

Zur WM im nächsten Jahr versucht die Stadt wieder einmal, das Netz auszubauen. Dabei soll es vor allem darum gehen, die Fußballfans möglichst angenehm von einem präsentablen Aufenthaltsort zum nächsten zu bringen. Dem „Carioca“, dem normalen Bewohner Rios, wird das nicht helfen, so befürchten es die Demonstranten. Die Menschen in den Armenvierteln werden weiterhin draußen bleiben und die großen Verkehrsprobleme der Stadt werden auf diese Weise nicht gelöst. Falls der U-Bahn-Ausbau überhaupt gelingt, denn davon ist momentan noch wenig zu sehen. Das liege, so erzählen es Protestierende wie Eduardo auch an der „Busmafia“: „Die Besitzer der Busunternehmen sind mit Rios Politikern eng verbandelt und haben natürlich kein Interesse daran, dass mehr Menschen auf die Metro umsteigen.“

Das Chaos auf Rios Straßen ist einer von mehreren Gründen, warum die Menschen in Brasilien demonstrieren. In den nächsten Wochen werden wir versuchen, euch auch die Hintergründe zu den anderen Bereichen wie beispielsweise „Medien“, „Korruption“, „Bildungssystem“ und „Gesundheitswesen“ nahe zu bringen. Wenn ihr Fragen, Anregungen oder Verbesserungsvorschläge habt, dann meldet euch bei uns.